Innere Stärke & Resilienz

Selbstsabotage überwinden: Warum wir uns selbst im Weg stehen

Selbstsabotage überwinden: Neurowissenschaftliche Strategien gegen innere Blockaden, Dennis Tefett Coaching
Neuropsychologie

Der unsichtbare Feind sitzt im eigenen Kopf

Sie wissen genau, was Sie tun müssten. Und trotzdem tun Sie es nicht. Oder Sie tun das Gegenteil. Oder Sie beginnen brillant und sabotieren sich kurz vor dem Erfolg. Das ist kein Charakterdefekt. Das ist Neurowissenschaft.

Selbstsabotage ist eines der am häufigsten missverstandenen Phänomene der Psychologie. Die meisten Menschen halten sie für Schwäche, mangelnde Disziplin oder fehlende Motivation. Die Befundlage sagt etwas anderes. Fuschia Sirois und Timothy Pychyl legten 2013 in Social and Personality Psychology Compass dar, dass Aufschieben vor allem der kurzfristigen Stimmungsregulation dient und nicht mangelnder Zeitplanung. Steven Berglas und Edward Jones zeigten bereits 1978 im Journal of Personality and Social Psychology, dass Menschen sich selbst Hindernisse in den Weg legen, um ihr Selbstbild bei einem möglichen Misserfolg zu schützen. Wir fassen solche Muster in diesem Impuls unter dem Begriff Selbstsabotage zusammen und lesen sie als Schutzstrategie. Diese Zusammenschau ist unser Modell, kein einzelner Studienbefund.

Die Amygdala speichert emotionale Erinnerungen mit höchster Priorität. Wenn Sie als Kind gelernt haben, dass Sichtbarkeit gefährlich ist (Kritik, Ablehnung, Bestrafung), wird Ihre Amygdala auch als Erwachsener Alarm schlagen, sobald Sie sichtbar werden. Nicht weil die Gefahr real ist. Sondern weil das neuronale Muster noch aktiv ist.

Kristin Neff und Christopher Germer belegten 2013 im Journal of Clinical Psychology in einer randomisiert kontrollierten Studie, dass sich Selbstmitgefühl trainieren lässt und dabei Depressivität, Angst und Stress zurückgehen. Die Metaanalyse von Angus MacBeth und Andrew Gumley (2012, Clinical Psychology Review) findet einen deutlichen Zusammenhang zwischen höherem Selbstmitgefühl und geringerer psychischer Belastung. Der Weg aus der Selbstsabotage führt nach dieser Befundlage nicht über mehr Willenskraft, sondern über eine andere Haltung sich selbst gegenüber.

Stimmung
Aufschieben reguliert kurzfristig Gefühle, nicht die Zeit (Sirois und Pychyl, 2013)
4
Haupttypen der Selbstsabotage
18 bis 254
Tage brauchten Teilnehmende, bis eine neue Gewohnheit automatisch lief (Lally et al., 2010)
Die vier Typen

Welcher Selbstsaboteur leben in Ihnen?

Selbstsabotage zeigt sich in vier Hauptmustern. Jedes Muster hat eine eigene neurologische Logik und eine eigene Schutzfunktion. Die meisten Menschen erkennen sich in zwei bis drei dieser Typen wieder.

Der Perfektionist

Motto: „Wenn es nicht perfekt ist, ist es wertlos." Der Perfektionist vermeidet Fehler um jeden Preis, weil die Amygdala Fehler als soziale Bedrohung gespeichert hat. Die Folge: Prokrastination (lieber nicht anfangen als fehlerhaft abliefern), übermäßige Überarbeitung oder die Unfähigkeit, Aufgaben abzuschließen.

Der Prokrastinierer

Motto: „Morgen ist auch noch ein Tag." Prokrastination ist keine Zeitmanagement-Schwäche. Piers Steel wies 2007 im Psychological Bulletin in einer umfangreichen Metaanalyse nach, dass Aufschieben ein Versagen der Selbststeuerung ist. Sirois und Pychyl beschreiben es 2013 als Strategie der kurzfristigen Stimmungsregulation: Die unangenehmen Gefühle rund um die Aufgabe werden gegen eine sofortige Belohnung eingetauscht.

Der Vermeider

Motto: „Wer nichts riskiert, kann nicht verlieren." Der Vermeider bleibt unter seinen Möglichkeiten, weil Erfolg eine unbewusste Bedrohung darstellt. Mehr Sichtbarkeit, höhere Erwartungen, größere Angriffsfläche. Die Amygdala hält die Komfortzone für den sichersten Ort.

Der People Pleaser

Motto: „Die Bedürfnisse anderer sind wichtiger als meine." Der People Pleaser hat gelernt, dass Zugehörigkeit an Anpassung geknüpft ist. Das Oxytocin-System belohnt Harmonie. Die eigenen Bedürfnisse werden chronisch unterdrückt, bis Erschöpfung oder Bitterkeit die Konsequenz sind.

Der innere Kritiker ist kein Feind. Er ist ein erschöpfter Wächter, der Sie mit den einzigen Mitteln schützt, die er kennt. Wenn Sie ihn bekämpfen, wird er lauter. Wenn Sie ihn verstehen, wird er leiser.

Basierend auf Kristin Neff, Pionierin der Selbstmitgefühl-Forschung

Infografik: Die vier Typen der Selbstsabotage mit neurologischer Schutzfunktion, Dennis Tefett Coaching
Neurobiologie

Warum der innere Kritiker so hartnäckig ist

Der innere Kritiker ist keine schlechte Gewohnheit. Er ist ein neuronal verankertes Schutzsystem mit eigener Logik und eigener biologischer Grundlage.

Roy Baumeister, Ellen Bratslavsky, Catrin Finkenauer und Kathleen Vohs trugen 2001 in der Review of General Psychology über viele Forschungsfelder hinweg zusammen, dass negative Ereignisse durchgängig stärker wirken als gleich starke positive. Eine feste Zahl für dieses Ungleichgewicht gibt es dabei nicht. Der evolutionäre Sinn liegt auf der Hand: Es war überlebenswichtiger, sich an eine Gefahr zu erinnern als an eine gute Mahlzeit.

Ihr innerer Kritiker nutzt diese Datenbank der negativen Erfahrungen, um Sie vor einer Wiederholung zu schützen. „Melde dich nicht freiwillig" (weil du als Kind dafür ausgelacht wurdest). „Zeige keine Schwäche" (weil Verletzlichkeit einmal bestraft wurde). „Sei perfekt" (weil Fehler Konsequenzen hatten).

Das Problem: Diese Regeln stammen aus einem Kontext, der längst vergangen ist. Aber das neuronale Muster ist noch aktiv. Jedes Mal, wenn der innere Kritiker feuert und Sie gehorchen, wird das Muster verstärkt (Hebbsche Lernregel: „Neurons that fire together, wire together"). Der Ausstieg beginnt mit dem Erkennen des Musters.

Der Weg heraus

Vier Schritte aus der Selbstsabotage

Der Weg aus der Selbstsabotage besteht nicht aus mehr Disziplin, sondern aus einer veränderten Beziehung zu den eigenen Mustern. Die folgenden vier Schritte verbinden belegte Bausteine, das Benennen von Gefühlen nach Lieberman und Kollegen (2007) und das Selbstmitgefühlstraining nach Neff und Germer (2013), zu einer Abfolge für den Alltag.

01

Erkennen (Awareness)

Der erste Schritt ist, das Muster zu bemerken, während es passiert. Das klingt einfach, ist aber neurologisch anspruchsvoll. Die Amygdala arbeitet schneller als das Bewusstsein. Trainieren Sie Selbstbeobachtung: „Was fühle ich gerade? Was ist der Impuls? Welches Muster wird aktiv?" Matthew Lieberman und Kollegen zeigten 2007 in Psychological Science, dass allein das Benennen eines Gefühls die Amygdala-Antwort dämpft und zugleich einen präfrontalen Bereich stärker aktiviert.

02

Pause (Interrupt)

Zwischen dem Trigger und der automatischen Reaktion liegt ein Raum. Viktor Frankl wird gern mit diesem Bild zitiert, auch wenn sich die geläufige Formulierung in seinen Schriften nicht nachweisen lässt. Eine feste Sekundenzahl für dieses Fenster gibt es ebenso wenig. Belegt ist der Mechanismus dahinter: Lieberman und Kollegen (2007, Psychological Science) zeigten, dass bewusstes Benennen die automatische Reaktion dämpft. Nutzen Sie den Moment: Ein tiefer Atemzug, eine bewusste Körperwahrnehmung, ein Wechsel der Position.

03

Reframing (Neubewertung)

Fragen Sie sich: „Schützt mich dieses Muster vor einer realen Gefahr, oder vor einer Gefahr, die es nicht mehr gibt?" Der präfrontale Kortex kann die Amygdala-Bewertung überschreiben, wenn er eine alternative Interpretation anbietet. „Ich prokrastiniere nicht, weil ich faul bin. Mein Gehirn versucht, mich vor Versagensangst zu schützen."

04

Selbstmitgefühl (Self-Compassion)

Paul Gilbert beschreibt in Advances in Psychiatric Treatment (2009) ein Modell dreier Emotionssysteme, in dem Fürsorge und Sicherheit ein anderes Regulationssystem ansprechen als Bedrohung und Antrieb. Dass sich diese fürsorgliche Haltung trainieren lässt, belegten Neff und Germer 2013 im Journal of Clinical Psychology. Sprechen Sie mit sich, wie Sie mit einem guten Freund sprechen würden. „Es ist menschlich, dieses Muster zu haben. Ich bin nicht kaputt. Ich lerne gerade etwas Neues."

Innerer Dialog
„Was stimmt nicht mit mir?"
„Was versucht dieses Muster zu schützen?"
Neurochemie
Cortisol steigt, Amygdala feuert stärker
Oxytocin wird ausgeschüttet, Vagus aktiviert
Handlungsfähigkeit
Lähmung oder blinder Aktionismus
Bewusste, überlegte nächste Schritte
Neuronale Wirkung
Verstärkt das Sabotage-Muster (Hebb)
Schwächt das alte Muster, stärkt neue Bahnen
Langfristig
Teufelskreis aus Sabotage und Scham
Wachstumskreislauf aus Erkennen und Lernen
Infografik: Selbstkritik versus Selbstmitgefühl und deren Wirkung auf neuronale Muster, Dennis Tefett Coaching
Führung und Selbstsabotage

Warum gerade erfolgreiche Menschen betroffen sind

Selbstsabotage ist kein Problem der Schwachen. Sie ist besonders häufig bei Menschen, die Außergewöhnliches leisten. Der Grund ist neurologisch nachvollziehbar.

Das Imposter-Syndrom

Erfolg erzeugt einen Widerspruch zwischen dem inneren Selbstbild und der äußeren Realität. Das Gehirn versucht, diesen Widerspruch aufzulösen, indem es den Erfolg entwertet oder auf Glück zurückführt. Je größer der Erfolg, desto größer die kognitive Dissonanz.

Erfolg als Bedrohung

Mehr Erfolg bedeutet mehr Sichtbarkeit, höhere Erwartungen, größere Fallhöhe. Für die Amygdala ist das eine Bedrohungsrechnung: Der potenzielle Verlust steigt schneller als der potenzielle Gewinn. Selbstsabotage wird zur unbewussten Risikobegrenzung.

Das Upper-Limit-Problem

Gay Hendricks beschreibt das „Upper Limit Problem": Jeder Mensch hat einen inneren Thermostat für das Maß an Erfolg, Glück und Liebe, das er sich erlaubt. Wird der Thermostat überschritten, sabotiert das Gehirn, um zum vertrauten Niveau zurückzukehren.

Kernimpuls

Selbstsabotage ist kein Beweis dafür, dass Sie nicht gut genug sind. Sie ist ein Beweis dafür, dass Ihr Gehirn funktioniert. Es tut genau das, wofür es programmiert wurde: Sie vor wahrgenommener Gefahr schützen. Das Problem ist nicht das Schutzsystem. Das Problem ist, dass es auf veraltete Daten reagiert. Der Weg aus der Selbstsabotage ist nicht mehr Willenskraft, nicht mehr Disziplin, nicht mehr Selbstkritik. Der Weg ist Verstehen. Wenn Sie erkennen, warum Ihr Gehirn sabotiert, können Sie ihm eine neue Information geben: Die Gefahr ist vorbei. Und dann, Schritt für Schritt, beginnen Sie, die neuronalen Bahnen umzuschreiben. Nicht gegen Ihr Gehirn. Mit ihm.

Reflexion

Wo sabotieren Sie sich?

Diese Fragen sind unbequem. Aber Selbstsabotage lebt davon, unerkannt zu bleiben. Beleuchten Sie Ihre Muster mit Neugier, nicht mit Urteil.

Welcher der vier Typen fühlt sich am vertrautesten an: Perfektionist, Prokrastinierer, Vermeider oder People Pleaser? In welchen Situationen wird dieses Muster besonders aktiv?
Gibt es einen Bereich in meinem Leben, in dem ich systematisch unter meinen Möglichkeiten bleibe? Was würde passieren, wenn ich dort voll sichtbar wäre?
Wie spreche ich mit mir selbst, wenn ich einen Fehler mache? Würde ich so mit einem guten Freund sprechen?
Wann habe ich zuletzt einen Erfolg sabotiert, kurz bevor er eingetreten wäre? Was war die unbewusste Angst dahinter?
Welche „Regel" aus meiner Kindheit steuert mein heutiges Verhalten, obwohl sie längst nicht mehr zutrifft?

Quellen: Neff, K. D. (2011). Self-Compassion: The Proven Power of Being Kind to Yourself. William Morrow. | Lieberman, M. D. et al. (2007). Putting Feelings into Words: Affect Labeling Disrupts Amygdala Activity. Psychological Science. | Hendricks, G. (2009). The Big Leap: Conquer Your Hidden Fear and Take Life to the Next Level. HarperOne. | Baumeister, R. F. et al. (2001). Bad Is Stronger Than Good. Review of General Psychology. | Hebb, D. O. (1949). The Organization of Behavior. Wiley.

Selbstsabotage-Muster-Check

Erkennen Sie Ihre Selbstsabotage-Muster?

1. Wie oft schieben Sie wichtige Aufgaben auf, obwohl Sie wissen, dass sie dran sind?

2. Wie gehen Sie mit Erfolgen um?

3. Wie reagieren Sie, wenn Sie kurz vor einem Durchbruch stehen?

Bitte beantworten Sie alle 3 Fragen.

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Dennis Tefett

Psychologie, Erziehungs- & Sozialwissenschaften (M.Ed.) | Gesundheitsmanager (B.A.)

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Veröffentlicht am Aktualisiert am

Quellen und weiterführende Lektüre

9 Belege

Jede Angabe wurde einzeln gegen die Originalquelle geprüft.

  1. Sirois, F., und Pychyl, T. (2013). Procrastination and the Priority of Short-Term Mood Regulation: Consequences for Future Self. Social and Personality Psychology Compass, 7(2), 115-127.

  2. Steel, P. (2007). The nature of procrastination: A meta-analytic and theoretical review of quintessential self-regulatory failure. Psychological Bulletin, 133(1), 65-94.

  3. Berglas, S., und Jones, E. E. (1978). Drug choice as a self-handicapping strategy in response to noncontingent success. Journal of Personality and Social Psychology, 36(4), 405-417.

  4. Neff, K. D., und Germer, C. K. (2013). A Pilot Study and Randomized Controlled Trial of the Mindful Self-Compassion Program. Journal of Clinical Psychology, 69(1), 28-44.

  5. MacBeth, A., und Gumley, A. (2012). Exploring compassion: A meta-analysis of the association between self-compassion and psychopathology. Clinical Psychology Review, 32(6), 545-552.

  6. Gilbert, P. (2009). Introducing compassion-focused therapy. Advances in Psychiatric Treatment, 15(3), 199-208. Quelle des Modells dreier Emotionssysteme, das im Text ausdrücklich als Modell und nicht als belegter Mechanismus geführt wird.

  7. Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Finkenauer, C., und Vohs, K. D. (2001). Bad is Stronger than Good. Review of General Psychology, 5(4), 323-370. Belegt die Asymmetrie, nennt aber keinen festen Faktor.

  8. Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H., und Way, B. M. (2007). Putting Feelings Into Words: Affect Labeling Disrupts Amygdala Activity in Response to Affective Stimuli. Psychological Science, 18(5), 421-428.

  9. Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., und Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998-1009. Quelle der Spanne von 18 bis 254 Tagen bis zur Automatisierung einer Gewohnheit.

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