Stellen Sie sich vor: Ein Teammeeting. Zwei Abteilungsleiter, die seit Wochen aneinander vorbeireden. Plötzlich kippt der Ton. Eine Bemerkung zu viel. Einer steht auf, der andere wird laut. Eine halbe Stunde später sitzen beide in ihren Büros und fragen sich, was gerade passiert ist.
Was passiert ist, hat Friedrich Glasl in neun Stufen beschrieben. Aber was Glasls Modell nicht zeigt: In dem Moment, in dem der Ton kippt, verändert sich das Gehirn beider Beteiligten physisch. Messbar. Und diese Veränderung erklärt, warum kluge, besonnene Menschen plötzlich Dinge tun, die sie eine Stunde später nicht mehr nachvollziehen können.
In meiner Arbeit als Coach beobachte ich seit Jahren: Die größte Hürde bei Konflikten ist nicht fehlendes Wissen. Es ist die Tatsache, dass Ihr Gehirn Ihnen genau dann die Werkzeuge entzieht, wenn Sie sie am dringendsten brauchen. Dieser Impuls erklärt, warum das so ist. Und was Sie dagegen tun können, solange Sie noch die Wahl haben.

© Dennis Tefett | dennis-tefett.de | 2026
Warum Konflikte einer biologischen Logik folgen
Glasls neun Stufen beschreiben nicht nur Verhalten. Sie bilden eine neurologische Kaskade ab, in der jede Stufe das Gehirn tiefer in den Kampfmodus zieht.
Friedrich Glasl war Organisationsberater, kein Neurowissenschaftler. Und trotzdem hat er in den 1980er-Jahren etwas beschrieben, das die Hirnforschung erst Jahrzehnte später bestätigen würde: Konflikte folgen keinem Zufall. Sie folgen einer Abwärtsdynamik, die sich in drei Ebenen unterteilen lässt. Jede Ebene verändert nicht nur das Verhalten der Beteiligten, sondern die Art, wie ihr Gehirn die Realität wahrnimmt.
Das ist der Punkt, den die meisten Führungskräfte unterschätzen: Ab einer bestimmten Stufe sehen Sie die Situation nicht mehr klar. Nicht weil Ihnen Objektivität fehlt. Sondern weil Ihre Neurochemie das Bild verzerrt. Der Konflikt hat dann nicht mehr nur Ihren Kalender im Griff. Er hat Ihr Gehirn im Griff.
Stufe 1 bis 3: Win-Win
Vernunft ist noch erreichbar. Ihr Gehirn lässt Ihnen die Wahl.
Die gute Nachricht zuerst: In den frühen Stufen funktioniert Ihr Gehirn noch so, wie es soll. Ihr präfrontaler Kortex arbeitet, die Region hinter Ihrer Stirn, die für rationales Abwägen, Perspektivwechsel und Impulskontrolle zuständig ist. Sie können zuhören. Sie können die Position Ihres Gegenübers nachvollziehen. Sie können Ihre erste Reaktion unterdrücken und eine klügere wählen.
Gleichzeitig arbeiten Ihre Spiegelneuronen. Diese Netzwerke, die Rizzolatti und Kollegen (1996) entdeckten, erlauben es Ihnen, die Emotionen Ihres Gegenübers mitzuempfinden, noch bevor ein Wort gesprochen wird. Empathie ist auf diesen Stufen kein Willensakt. Sie ist ein automatischer neurologischer Prozess.
Aber bereits hier beginnt etwas Subtiles: Mit jeder Stufe steigt der Cortisolspiegel ein wenig. Noch moduliert der präfrontale Kortex zuverlässig. Aber er arbeitet schon gegen einen wachsenden Widerstand. Stufe 3 ist die letzte, auf der Sie den Konflikt aus eigener Kraft lösen können. Danach kippt die Biologie.
Stufe 1: Verhärtung
Positionen werden fester, aber der Dialog bleibt offen. Im Gehirn: leicht erhöhte Amygdala-Aktivität, aber der PFC kompensiert mühelos. Empathie funktioniert vollständig.
Stufe 2: Debatte und Polemik
Argumente werden strategisch. Man will nicht mehr nur verstanden werden, man will recht haben. Die Amygdala schüttet erste Stresshormone aus. Der PFC hält noch dagegen.
Stufe 3: Taten statt Worte
Reden hilft nicht mehr, also handelt man. E-Mails statt Gespräche. Fakten schaffen statt verhandeln. Cortisol steigt messbar. Das Gehirn steht an einer Schwelle.
Was Sie hier tun können
Stufe 1 bis 3 ist Ihr Handlungsfenster. Hier haben Sie biologisch noch alle Werkzeuge zur Verfügung. Die klügste Investition, die Sie als Führungskraft tätigen können: Lernen Sie, Konflikte auf diesen Stufen zu erkennen und anzusprechen, bevor die Neurochemie Ihnen die Optionen nimmt.
Stufe 4 bis 6: Win-Lose
Das Gehirn wechselt den Modus. Ab hier kämpfen Sie nicht mehr um die Sache. Sie kämpfen ums Überleben.
Hier passiert der neurologische Bruch, den ich in Coachings „den Kippmoment“ nenne. Die Amygdala übernimmt die Steuerung. Nicht teilweise. Massiv.
Amy Arnsten von der Yale University hat 2009 gezeigt, was das konkret bedeutet: Bereits moderate Stresshormonspiegel reduzieren die Aktivität des präfrontalen Kortex um bis zu 50 Prozent. Die Hälfte Ihrer Denkleistung, Ihrer Impulskontrolle, Ihrer Fähigkeit zur Perspektivübernahme: abgeschaltet. Nicht geschwächt. Abgeschaltet.
Und dann kommt ein Mechanismus dazu, der die Sache noch schlimmer macht. Wenn sich Teams in Lager aufteilen, schüttet das Gehirn Oxytocin aus. Oxytocin gilt als „Bindungshormon“. Aber De Dreu (2012) zeigte: In Konfliktsituationen wirkt Oxytocin wie ein neurochemischer Spaltkeil. Es stärkt den Zusammenhalt innerhalb der eigenen Gruppe und erhöht gleichzeitig die Feindseligkeit gegenüber der Gegenseite.
Das erklärt etwas, das Führungskräfte immer wieder erleben: Zwei Teams, die letzte Woche noch zusammengearbeitet haben, stehen sich plötzlich unversöhnlich gegenüber. Das ist keine Charakterschwäche. Das ist Neurochemie, die tut, wofür sie geschaffen wurde: die eigene Gruppe schützen, koste es, was es wolle.
Stufe 4: Koalitionen
Man sucht Verbündete. Oxytocin bindet die In-Group enger zusammen und verschärft gleichzeitig die Ablehnung gegenüber der anderen Seite. Schwarz-Weiß-Denken setzt ein.
Stufe 5: Gesichtsverlust
Der Gegner wird öffentlich bloßgestellt. Neuronal aktiviert das den dorsalen anterioren cingulären Kortex: Sozialer Schmerz wird im selben Netzwerk verarbeitet wie physischer Schmerz.
Stufe 6: Drohstrategien
Ultimaten ersetzen Gespräche. Chronisch erhöhtes Cortisol beginnt, den Hippocampus zu schädigen. Das Gedächtnis wird unzuverlässig. Die Wahrnehmung verengt sich.
„Unter Stress verliert der präfrontale Kortex seine Kontrolle über die Amygdala. Das erklärt, warum intelligente Menschen in eskalierten Konflikten Dinge tun, die sie später bereuen.“
— Amy Arnsten, Yale University
Stufe 7 bis 9: Lose-Lose
Das Gehirn kennt nur noch eine Logik: Vernichtung. Auch auf Kosten der eigenen Existenz.
In den letzten drei Stufen passiert etwas, das von außen betrachtet irrational wirkt: Menschen nehmen ihren eigenen Schaden in Kauf, solange der Gegner stärker geschädigt wird. Neurobiologisch ist das erklärbar. Der dorsolaterale präfrontale Kortex, die letzte Bastion der rationalen Kontrolle, ist weitgehend deaktiviert. Die Amygdala steuert nahezu allein.
Eisenberger und Kollegen zeigten 2003 in einer Studie, die in Science veröffentlicht wurde: Sozialer Ausschluss aktiviert dieselben Schmerzregionen im Gehirn wie eine körperliche Verletzung. Der anteriore cinguläre Kortex feuert. Dieselben Netzwerke, die bei einem gebrochenen Arm aktiv werden, feuern auch, wenn jemand aus einer Gruppe ausgestoßen wird. Der Konflikt tut wortwörtlich weh.
Auf dieser Ebene ist keine Selbsthilfe mehr möglich. Die Beteiligten können den Konflikt nicht lösen, weil ihr Gehirn ihnen die Mittel dazu genommen hat. Es braucht einen Eingriff von außen: eine übergeordnete Instanz, eine strukturelle Trennung, einen Machteingriff.
Das Paradox der späten Erkenntnis
Warum erkennen die meisten Führungskräfte Eskalation erst auf Stufe 5 oder 6? Nicht weil sie unaufmerksam sind. Sondern weil genau die Hirnregion, die für Selbstreflexion zuständig ist, ab Stufe 4 durch Cortisol gedrosselt wird. Das Gehirn verliert die Fähigkeit, seinen eigenen Zustand akkurat einzuschätzen. Genau in dem Moment, in dem Klarheit am wichtigsten wäre, nimmt Ihnen Ihre Biologie die Fähigkeit dazu. Deshalb ist Prävention keine Option. Sie ist die einzige Strategie, die funktioniert.
Vier Strategien für Ihren Führungsalltag
Jede dieser Interventionen nutzt einen spezifischen neurologischen Mechanismus. Sie wirken, weil sie mit dem Gehirn arbeiten, nicht dagegen.
Die strategische Pause
Wenn ein Gespräch emotional wird, unterbrechen Sie es. Nicht als Zeichen der Schwäche, sondern als neurologische Notwendigkeit. Cortisol braucht 20 bis 30 Minuten zum Abbau. Eine kurze Pause gibt dem präfrontalen Kortex die Chance, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Nutzen Sie die 10-30-90-Struktur: 10 Minuten Orientierung (Was ist gerade passiert?), 30 Minuten Klärung (Was braucht jede Seite?), 90 Minuten für eine gemeinsame Lösung.
Affect Labeling: Die Eskalation beim Namen nennen
Lieberman (UCLA, 2007) entdeckte einen erstaunlich einfachen Mechanismus: Wenn Sie einen emotionalen Zustand benennen, sinkt die Amygdala-Aktivität um bis zu 30 Prozent. Ein Satz wie „Ich merke, wir sind gerade auf Stufe 3" aktiviert den präfrontalen Kortex und bremst die emotionale Reaktion. Das funktioniert bei Ihnen selbst und bei Ihrem Gegenüber. Gefühle benennen macht sie messbar kleiner.
Psychologische Sicherheit als Schutzschild
Amy Edmondson (Harvard) zeigt seit 25 Jahren: Teams mit hoher psychologischer Sicherheit eskalieren seltener. Der Grund ist neurologisch: Wenn Menschen wissen, dass abweichende Meinungen nicht bestraft werden, bleibt der Cortisolspiegel niedrig. Der präfrontale Kortex bleibt aktiv. Die Biologie erlaubt, was die Kultur ermöglicht. Schaffen Sie regelmäßig Räume, in denen Widerspruch nicht nur geduldet, sondern eingefordert wird.
Frühwarnsystem installieren
Die meisten Konflikte werden nicht auf Stufe 1 erkannt, sondern auf Stufe 4 oder 5. Dann ist es neurologisch bereits zu spät für Selbsthilfe. Etablieren Sie ein Frühwarnsystem: regelmäßige Retrospektiven, ein offenes Feedback-Format, eine explizite Einladung an Ihr Team, Spannungen früh zu benennen. Die günstigste Intervention ist die, die auf Stufe 1 stattfindet.
Wann braucht es welche Hilfe?
Die richtige Intervention hängt nicht von Ihrem Wunsch ab, sondern von der Biologie der Beteiligten.
Stufe 1 bis 3: Sie selbst
Klärungsgespräche, Moderation, aktives Zuhören. Ihr präfrontaler Kortex ist aktiv. Nutzen Sie das Fenster. Affect Labeling und strategische Pausen sind Ihre stärksten Werkzeuge.
Stufe 4 bis 6: Externe Mediation
Professionelle Prozessbegleitung. Die Beteiligten können den Konflikt nicht mehr allein lösen. Ihr Gehirn verhindert es. Eine neutrale dritte Partei bringt die Perspektive zurück, die das Cortisol genommen hat.
Stufe 7 bis 9: Machteingriff
Strukturelle Trennung, übergeordnete Entscheidung, externe Schiedsinstanz. Auf dieser Ebene ist das Gehirn im Überlebensmodus. Freiwillige Kooperation ist biologisch nicht mehr möglich.
Kernimpuls
Konflikt-Eskalation ist kein Zeichen von Schwäche, mangelnder Intelligenz oder schlechtem Charakter. Es ist Neurobiologie. Ihr Gehirn schaltet unter Stress systematisch die Fähigkeiten ab, die Sie zur Lösung bräuchten: Empathie, Perspektivwechsel, Impulskontrolle. Das Wissen um diese Mechanismen verändert alles. Denn wer versteht, was im eigenen Gehirn passiert, kann intervenieren, bevor die Biologie die Regie übernimmt. Nicht mit mehr Willenskraft. Mit besserer Strategie.
Vertiefen Sie dieses Thema mit unserem Impuls Konflikte als Chance: Konstruktive Konfliktlösung für konkrete Strategien zur positiven Konfliktgestaltung.
Wissenschaftliche Referenzen
Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 410-422.
De Dreu, C. K. W. et al. (2012). Oxytocin promotes human ethnocentrism. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(4), 1262-1266.
Edmondson, A. C. (2019). The Fearless Organization: Creating Psychological Safety in the Workplace. John Wiley & Sons.
Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., & Williams, K. D. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290-292.
Glasl, F. (2013). Konfliktmanagement: Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. 11. Auflage. Haupt Verlag.
Lieberman, M. D. et al. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421-428.
Rizzolatti, G. et al. (1996). Premotor cortex and the recognition of motor actions. Cognitive Brain Research, 3(2), 131-141.
Reflexionsimpulse
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