Führung & Wirkung

Die Neurowissenschaft der Teamintelligenz: Warum Teams klüger sein können als Individuen

Illustration: Ein Geschäftsführer redet mit erhobenem Zeigefinger, am Tischende lässt eine Mitarbeiterin die halb gehobene Hand wieder sinken.

Die Hörfassung entsteht neu. Ich habe diesen Beitrag fachlich überarbeitet. Die Aufnahme folgt dem heutigen Stand, damit Sie hören, was hier steht.

Informationsplakat: Ein Steckbrief in vier gleich hohen Bändern, Wer, Wie viele, Befund und Einwand. Das Band Einwand ist stärker umrandet. Darunter steht die Zeile kein Gruppen-IQ, eine Lupe liegt auf dem Wort Varianz.
Das Phänomen

Warum manche Teams Genies übertreffen

Im Jahr 2010 stellte ein Forschungsteam um Anita Woolley an der Carnegie Mellon University eine Frage, die die Managementwelt veränderte: Gibt es so etwas wie kollektive Intelligenz? Einen messbaren Faktor, der bestimmt, wie klug ein Team als Ganzes agiert? Die Antwort war ein deutliches Ja. Und sie überraschte selbst die Forscher.

Woolley und Kollegen testeten 699 Personen in Gruppen von zwei bis fünf. Die Gruppen bearbeiteten verschiedenste Aufgaben: Brainstorming, Puzzles, moralische Urteile, Verhandlungen. Das Ergebnis: Sie berichteten einen Collective Intelligence Factor (c-Faktor), einen Generalfaktor der Gruppenleistung, den sie mit dem individuellen g-Faktor der Intelligenzforschung verglichen. Teams, die bei einer Aufgabe gut abschnitten, schnitten auch bei völlig anderen Aufgaben gut ab. Wie tragfähig dieser Faktor ist, ist bis heute umstritten. Marcus Credé und Garett Howardson werteten 2017 im Journal of Applied Psychology sechs veröffentlichte Stichproben neu aus und kamen zu dem Schluss, dass der Generalfaktor nur wenig Varianz der Gruppenleistung erklärt und dass zwei statistische Artefakte die geringe Kovariation zusätzlich aufgebläht haben dürften.

Die eigentliche Überraschung lag in der Frage, was den c-Faktor bestimmt. Es war nicht der durchschnittliche IQ der Gruppenmitglieder. Es war nicht der höchste IQ in der Gruppe. Es waren nicht die Extroversion der Mitglieder oder ihre Fachexpertise. Die drei stärksten Prädiktoren für kollektive Intelligenz waren: (1) die soziale Sensitivität der Gruppenmitglieder, gemessen durch den „Reading the Mind in the Eyes" Test, (2) die Gleichverteilung der Gesprächsanteile und (3) der Anteil von Frauen in der Gruppe (wobei letzteres statistisch durch die höhere durchschnittliche soziale Sensitivität von Frauen erklärt wurde).

Übersetzt: Die klügsten Teams bestehen nicht aus den klügsten Individuen, sondern aus den einfühlsamsten. Teams, deren Mitglieder Emotionen bei anderen lesen können, die jedem Raum geben zu sprechen und die aufeinander reagieren statt aneinander vorbei. Das ist kein Soft Skill. Das ist der härteste Prädiktor für kollektive Leistung, den die Wissenschaft kennt.

Die provokante Konsequenz: Wenn Sie Ihr Team zusammenstellen, indem Sie die klügsten Leute in einen Raum setzen, optimieren Sie die falsche Variable. Es ist, als würden Sie ein Orchester ausschließlich nach der Virtuosität der einzelnen Musiker besetzen, ohne darauf zu achten, ob sie aufeinander hören können. Das Ergebnis ist kein Meisterwerk. Es ist Lärm.

c-Faktor
Collective Intelligence Factor: ein Generalfaktor der Gruppenleistung, dessen empirische Stützung umstritten ist (Woolley et al., 2010, Gegenposition Credé und Howardson, 2017)
Lernen
Psychologische Sicherheit wirkt über das Lernverhalten des Teams auf die Teamleistung (Edmondson, Administrative Science Quarterly, 1999)
3
Kommunikationsmuster (Energie, Engagiertheit, Exploration), die Pentland 2012 in der Harvard Business Review beschrieb. Die Messplattform dazu stammt von Olguín Olguín et al., IEEE Transactions on Systems, Man, and Cybernetics, 2009
fMRT
Je stärker die vorauseilende Kopplung zwischen Sprecher- und Zuhörergehirn, desto besser das Verstehen (Stephens, Silbert & Hasson, PNAS, 2010)
Entscheidungsmodus
✗Schneller Konsens ohne Prüfung
✓Strukturierter Dissens vor Konsens
Fehlerkultur
✗Fehler werden verborgen (Scham)
✓Fehler werden geteilt (Lernen)
Gesprächsanteile
✗Chef dominiert, Stille stimmt zu
✓Gleichverteilt, jeder bringt sich ein
Widerspruch
✗Bestraft (sozialer Schmerz)
✓Belohnt (kognitive Reibung erwünscht)
Informationsverarbeitung
✗Shared Information Bias (nur Bekanntes)
✓Unique Information wird aktiv gesucht
Neuronale Grundlage
✗Amygdala dominiert (Angst vor Ausschluss)
✓Präfrontaler Kortex dominiert (reflektiertes Denken)
Illustration: Ein Geschäftsführer lehnt sich am Besprechungstisch zurück, die Hände offen auf der Platte, den Blick aufmerksam ans andere Tischende gerichtet. Im Vordergrund die offene Hand einer sprechenden Kollegin.
Das Prinzip ist der Redeanteil. Wer zuletzt spricht, gibt der Runde ihren eigenen Rahmen zurück.
Die Neurowissenschaft

Neural Synchrony: Wenn Gehirne sich verbinden

Greg Stephens, Lauren Silbert und Uri Hasson veröffentlichten 2010 in den Proceedings of the National Academy of Sciences einen bemerkenswerten Befund: Wenn Menschen effektiv kommunizieren, koppeln sich ihre Gehirnaktivitäten aneinander. Scheitert die Verständigung, verschwindet diese Kopplung.

Die Gruppe nutzte funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), um die Gehirnaktivität von Sprechern und Zuhörern zu messen. Der Befund: Je stärker die vorauseilende neuronale Kopplung zwischen Sprecher und Zuhörer, desto besser das Verstehen der erzählten Geschichte. Im Mittel folgt das Gehirn des Zuhörers dem des Sprechers mit Verzögerung. In manchen Arealen aber lief es voraus, es antizipierte den Sprecher. Genau diese vorauseilenden Anteile hingen mit dem Verstehen zusammen.

Für Teams bedeutet das: Effektive Zusammenarbeit ist nicht nur eine Frage von Prozessen und Meetings. Sie hat eine neurobiologische Grundlage. Wenn ein Team gut funktioniert, synchronisieren sich die Gehirne der Mitglieder. Sie entwickeln gemeinsame mentale Modelle (Shared Mental Models), die es ihnen ermöglichen, das Verhalten der anderen vorherzusagen und sich koordiniert zu bewegen, auch ohne explizite Absprache.

Alex Pentland und seine Gruppe am MIT Media Lab gingen von der anderen Seite heran. Daniel Olguín Olguín, Benjamin Waber, Taemie Kim und Pentland beschrieben 2009 in den IEEE Transactions on Systems, Man, and Cybernetics tragbare soziometrische Sensoren, die aufzeichnen, wer mit wem wie lange und in welchem Ton spricht. Damit wurde messbar, was vorher Bauchgefühl war. Die drei Größen, auf die Pentland seine Auswertung später zuspitzte, beschrieb er 2012 in der Harvard Business Review: die Energie der Interaktion (Häufigkeit und Intensität), die Engagiertheit (wie viele Teammitglieder miteinander sprechen, nicht nur mit dem Chef) und die Exploration (wie oft jemand Informationen von außerhalb des Teams holt). Pentlands Schlussfolgerung aus dieser Datenlage: Wie kommuniziert wurde, sagte mehr über die Teamleistung aus als was kommuniziert wurde.

Soziale Sensitivität

Der stärkste Einzelprädiktor für kollektive Intelligenz. Gemessen durch den „Reading the Mind in the Eyes" Test (Baron-Cohen et al., 2001). Teammitglieder, die Emotionen bei anderen akkurat lesen können, schaffen den Boden für produktive Zusammenarbeit. Baron-Cohen und Kollegen arbeiteten rein psychometrisch, ihre Studie enthält keine Bildgebung. Das Lesen mentaler Zustände wird in der Bildgebung dem Mentalisierungsnetz zugeordnet, also dem medialen präfrontalen Cortex, der Temporoparietal Junction und dem superioren temporalen Sulcus.

Neural Synchrony

Stephens, Silbert und Hasson zeigten 2010 in PNAS: Gehirne koppeln sich bei gelingender Kommunikation aneinander. Scheitert die Verständigung, verschwindet die Kopplung. Je stärker das Zuhörergehirn dem Sprecher vorauslief, desto besser verstand die Person die Geschichte.

Psychologische Sicherheit

Amy Edmondsons Konzept (1999): Die geteilte Überzeugung, dass das Team sicher ist für interpersonelle Risikobereitschaft. Fehler zugeben, Unwissen eingestehen, verrückte Ideen äußern. Googles interne Auswertung Project Aristotle (2015) kam zum selben Ergebnis und nannte psychologische Sicherheit den wichtigsten der fünf gefundenen Faktoren. Sie ist ein Unternehmensbericht ohne Begutachtung, die Rohdaten sind nicht veröffentlicht.

Shared Mental Models

Hocheffektive Teams teilen ein implizites Verständnis davon, wie die Aufgabe funktioniert, wer welche Rolle hat und wie der andere voraussichtlich reagieren wird. Diese mentalen Modelle reduzieren den Koordinationsaufwand und ermöglichen „Implicit Coordination", also Zusammenarbeit ohne explizite Absprache.

Der Gegenpol

Groupthink: Wenn Teams kollektiv versagen

Kollektive Intelligenz hat einen gefährlichen Gegenspieler: Groupthink. Irving Janis beschrieb 1972 das Phänomen, dass kohäsive Gruppen zu katastrophal schlechten Entscheidungen fähig sind, gerade weil sie sich so gut verstehen.

Janis analysierte historische Fehlentscheidungen: Pearl Harbor, den Einmarsch in Nordkorea, die Invasion in der Schweinebucht und die Eskalation des Vietnamkriegs. Die Challenger-Katastrophe von 1986 zählt nicht dazu, sie wurde erst nach den Büchern von Janis durch andere in seinen Rahmen gestellt (Esser und Lindoerfer 1989, Moorhead, Ference und Neck 1991). In jedem seiner Fälle fand Janis dasselbe Muster: Hochkompetente Gruppen, die unter sozialem Druck aufhörten, kritisch zu denken. Die Symptome: Illusion der Unverwundbarkeit, kollektive Rationalisierung von Warnsignalen, Druck auf Abweichler, Selbstzensur und eine geteilte Illusion der Einstimmigkeit.

Neurowissenschaftlich betrachtet ist Groupthink ein Zustand, in dem das soziale Schmerzsystem das rationale Denken überlagert. Naomi Eisenberger zeigte 2003 an der UCLA, dass sozialer Ausschluss dieselben Gehirnregionen aktiviert wie physischer Schmerz (dorsaler anteriorer cingulärer Kortex, anteriore Insula). In kohäsiven Gruppen wägt das Gehirn: „Habe ich recht, aber verliere die Gruppe?" gegen „Stimme ich zu und behalte die Zugehörigkeit?" Dass dabei das soziale Überleben die rationale Analyse überlagert, ist unser Arbeitsmodell aus der Praxis, kein gemessener Hirnbefund. Eisenbergers Versuch enthielt keine solche Entscheidungsaufgabe, gemessen wurde der Ausschluss aus einem virtuellen Ballwurfspiel.

Der Unterschied zwischen kollektiver Intelligenz und Groupthink liegt nicht in der Zusammensetzung des Teams, sondern in seiner psychologischen Architektur. Kollektiv intelligente Teams schaffen eine Umgebung, in der Widerspruch belohnt wird. In Groupthink-anfälligen Teams wird er bestraft. Der Unterschied ist nicht, ob Menschen verschiedene Meinungen haben. Es ist, ob sie diese äußern dürfen, ohne sozialen Schmerz zu befürchten.

„Psychological safety is not about being nice. It's about candor. It's about being direct, taking risks, being willing to say: I screwed up. Or: I need help.“

— Sinngemäß nach Amy Edmondson, The Fearless Organization (2018)

Das Google-Experiment: Project Aristotle

Google investierte 2012 bis 2015 in Project Aristotle, eine interne Studie zur Frage: Was macht Teams bei Google effektiv? Sie untersuchten 180 Teams und analysierten über 250 Variablen. Die erwarteten Faktoren wie individuelles Talent, Seniorität oder Teamgröße spielten kaum eine Rolle. Der mit Abstand stärkste Prädiktor war psychologische Sicherheit. Zu diesen Teams berichtet Google vier Beobachtungen: Ihre Mitglieder verlassen das Unternehmen seltener, sie nutzen die unterschiedlichen Ideen im Team besser, sie bringen mehr Umsatz und sie werden von Führungskräften doppelt so oft als wirksam bewertet. Eine Einordnung gehört dazu: Project Aristotle ist ein interner Unternehmensbericht ohne wissenschaftliche Begutachtung, die Rohdaten wurden nie veröffentlicht und nie unabhängig geprüft.

Fallbeispiel

Das Team, das seine Meetings umbaute

Zahlen und Studien überzeugen den Verstand. Geschichten verändern Verhalten. Dieses nachgebildete Fallbeispiel aus meiner Beratungspraxis zeigt, wie ein Team seine Besprechungen umbaute und was sich danach änderte.

Ein Produktentwicklungsteam bei einem deutschen Mittelständler (Medizintechnik, 35 Mitarbeitende, nachgebildetes Beispiel) stand vor einem Problem: Die Markteinführungszeit neuer Produkte hatte sich in drei Jahren verdoppelt. Nicht wegen technischer Probleme, sondern wegen Entscheidungsblockaden. In Meetings sprachen hauptsächlich zwei von acht Personen. Die anderen nickten oder schwiegen. Drei Ingenieure, die nachweislich die innovativsten Ideen hatten, äußerten diese nur noch in informellen Gesprächen auf dem Flur, nie im Meeting.

Die Diagnose war klar: Der c-Faktor war kollabiert. Nicht weil die Teammitglieder unfähig waren, sondern weil die psychologische Architektur des Teams Groupthink begünstigte. Der Teamleiter sprach in Meetings immer zuerst und setzte das Framing. Widerspruch wurde nicht bestraft, aber auch nicht belohnt. Die implizite Botschaft: „Ich habe die richtige Antwort, stimmt mir zu."

Die Intervention bestand aus vier Elementen, direkt abgeleitet aus Woolleys und Edmondsons Forschung: (1) Der Teamleiter sprach in Meetings als Letzter, nicht als Erster. (2) Vor jeder Diskussion gab es fünf Minuten stilles Brainwriting. (3) Bei jeder wichtigen Entscheidung wurde ein „Red Team" eingesetzt, das die Gegenposition argumentieren musste. (4) Jedes Meeting begann mit einem 60-Sekunden-Check-in, bei dem jeder seinen emotionalen Zustand teilte.

Das Ergebnis nach sechs Monaten: Die Markteinführungszeit verkürzte sich deutlich. Es kamen spürbar mehr Verbesserungsvorschläge aus dem Team und die Mitarbeiterbefragung fiel besser aus als im Jahr davor. Zahlen nenne ich hier bewusst keine, das Beispiel ist nachgebildet und keine Messreihe. Der Teamleiter berichtete: „Das Schwierigste war, den Mund zu halten. Aber was dabei herauskam, war jedes Mal besser als meine eigene Lösung."

Das Protokoll

4 Hebel zur Steigerung der Teamintelligenz

Kollektive Intelligenz ist keine Eigenschaft, die man hat oder nicht. Sie ist ein Zustand, den man aktiv herstellen kann. Diese vier Hebel basieren auf der kombinierten Forschung von Woolley, Edmondson, Pentland und Hasson.

Informationsplakat: Zwei Balkendiagramme nebeneinander. Links unter Zwei reden sind zwei Balken sehr hoch und sechs fast flach, rechts unter Acht reden sind alle acht Balken gleich hoch. Unter den Achsen steht, wo die kollektive Leistung niedriger und wo sie höher ist.

Hebel 1: Psychologische Sicherheit herstellen

Psychologische Sicherheit entsteht nicht durch eine Ankündigung, sondern durch konkretes Führungsverhalten. Amy Edmondson identifiziert drei Schlüsselhandlungen: (a) Als Führungskraft eigene Fehler und Wissenslücken offen teilen. Das signalisiert: Verletzlichkeit ist sicher. (b) Fragen stellen statt Antworten geben. Wenn der Chef fragt statt zu sagen, entsteht Raum für andere. (c) Auf Fehler mit Neugier reagieren statt mit Schuldzuweisung. Die Frage „Was können wir daraus lernen?" statt „Wer ist schuld?" verändert die neuronale Reaktion des Teams: Statt Amygdala-Aktivierung (Angst) entsteht präfrontale Aktivierung (Lernen). Konkreter Praxisimpuls: Beginnen Sie Ihr nächstes Meeting mit dem Satz: „Ich habe diese Woche einen Fehler gemacht. Lassen Sie mich erzählen, was ich daraus gelernt habe."

Hebel 2: Gleichverteilte Gesprächsanteile sicherstellen

Woolley, Chabris, Pentland, Hashmi und Malone berichteten 2010 in Science: Gruppen, in denen die Redeanteile gleichmäßig verteilt waren, hatten eine höhere kollektive Intelligenz als Gruppen, in denen wenige Personen dominierten. Praktisch bedeutet das: Implementieren Sie Round-Robin-Formate in Meetings, bei denen jeder zu Wort kommt. Nutzen Sie stille Brainstorming-Phasen (Brainwriting), bevor die Diskussion beginnt. Und achten Sie als Führungskraft darauf, als Letzter zu sprechen, nicht als Erster. In meiner Beratungspraxis ist das der Punkt mit der größten Hebelwirkung: Wenn der Chef zuerst spricht, ordnet sich die Runde fast immer seinem Rahmen unter. Konkreter Praxisimpuls: Messen Sie beim nächsten Meeting mit einer Stoppuhr die Gesprächsanteile. Das Ergebnis wird Sie überraschen.

Hebel 3: Soziale Sensitivität entwickeln

Soziale Sensitivität ist trainierbar. Der „Reading the Mind in the Eyes" Test von Simon Baron-Cohen (2001) misst die Fähigkeit, Emotionen aus der Augenpartie zu lesen. Diese Fähigkeit wird in der Bildgebung dem Mentalisierungsnetz zugeordnet, also dem medialen präfrontalen Cortex, der Temporoparietal Junction und dem superioren temporalen Sulcus. Training: Führen Sie regelmäßige Check-ins ein, bei denen Teammitglieder ihren emotionalen Zustand teilen (Skala von 1 bis 10). Üben Sie aktives Zuhören: Paraphrasieren Sie, was der andere gesagt hat, bevor Sie antworten. Beobachten Sie nonverbale Signale: Wer zieht sich zurück? Wer zeigt Mikroexpressionen von Frustration? Konkreter Praxisimpuls: Bitten Sie in Ihrem nächsten 1:1 die andere Person, ihren emotionalen Zustand auf einer Skala von 1 bis 10 zu bewerten, und fragen Sie dann: „Was bräuchten Sie, um auf eine 8 zu kommen?"

Hebel 4: Kognitive Diversität gezielt nutzen

Lu Hong und Scott Page zeigten 2004 in PNAS formal, dass Gruppen unterschiedlicher Problemlöser Gruppen der individuell stärksten Problemlöser übertreffen können. In der Praxis: Besetzen Sie Teams nicht nach Ähnlichkeit, sondern nach Komplementarität. Bei der Frage, wie man Widerspruch organisiert, ist die Befundlage allerdings unbequemer als der Ratgeber-Standard. Charlan Nemeth, Keith Brown und John Rogers verglichen 2001 im European Journal of Social Psychology drei Spielarten des bestellten Advocatus Diaboli mit echtem Widerspruch. Die echte Minderheitenmeinung war allen bestellten Formen überlegen. Was zuverlässig hilft, ist die ausdrückliche Erlaubnis zu streiten: Nemeth und Kollegen fanden 2004, dass Gruppen mit der Anweisung zu debattieren mehr Ideen hervorbrachten als Gruppen mit der klassischen Brainstorming-Regel, nicht zu kritisieren. Konkreter Praxisimpuls: Fragen Sie bei der nächsten wichtigen Entscheidung zuerst, wer wirklich anderer Meinung ist. Erteilen Sie dann ausdrücklich die Erlaubnis zu widersprechen.

Team-Diagnose

4 Fragen zur Teamintelligenz: Wo steht Ihr Team?

Diese vier Fragen decken die wichtigsten Dimensionen kollektiver Intelligenz ab. Beantworten Sie sie ehrlich, und Sie haben eine Diagnose, die besser ist als jede Teambuilding-Umfrage.

Team-Diagnose: 4 Dimensionen der Teamintelligenz

  1. 1. Der Fehlerfrage-Test: Wann hat zuletzt ein Teammitglied in einem Meeting gesagt: „Das weiß ich nicht" oder „Da habe ich einen Fehler gemacht"? Wenn Sie sich nicht erinnern können, ist die psychologische Sicherheit wahrscheinlich zu niedrig. Fehler werden verborgen statt geteilt. Und verborgene Fehler sind die teuersten.
  2. 2. Der Gesprächsanteile-Test: Wenn Sie die Redezeit im letzten Meeting prozentual aufteilen: Wie viel Prozent entfallen auf Sie als Führungskraft? Woolley und Kollegen fanden 2010 in Science keinen bestimmten Idealwert, wohl aber eine klare Richtung: Je ungleicher die Redeanteile verteilt waren, desto niedriger die kollektive Intelligenz der Gruppe. Als Faustregel taugt deshalb der Vergleich mit dem rechnerisch gleichen Anteil. Bei acht Personen wären das 12,5 Prozent. Wer deutlich darüber liegt, nimmt Raum weg.
  3. 3. Der Widerspruchs-Test: Wann hat zuletzt jemand Ihrer Einschätzung offen widersprochen? Wenn die Antwort „das passiert nie" ist, haben Sie kein harmonisches Team. Sie haben ein Team, das Angst vor sozialem Schmerz hat. Das Fehlen von Widerspruch ist kein Zeichen von Übereinstimmung, sondern von Schweigen.
  4. 4. Der Informationsfluss-Test: Erfahren Sie als Führungskraft schlechte Nachrichten rechtzeitig oder erst, wenn sie nicht mehr verborgen werden können? In Teams mit niedriger psychologischer Sicherheit fließen Informationen nach oben gefiltert. Sie bekommen die geschönte Version. Und treffen Entscheidungen auf Basis unvollständiger Daten.
Die Praxis

Die Anatomie eines intelligenten Meetings

Kollektive Intelligenz entsteht nicht von selbst. Sie wird durch Strukturen ermöglicht. Ein typisches Meeting in den meisten Unternehmen vernichtet kollektive Intelligenz systematisch. Ein bewusst gestaltetes Meeting kann sie vervielfachen.

Stellen Sie sich ein Meeting vor, das nach den Prinzipien der Teamintelligenz gestaltet ist. Es beginnt mit einem Check-in: Jede Person hat 60 Sekunden, um zu teilen, wie sie gerade ist. Nicht was sie getan hat. Wie sie ist. Das aktiviert Theory of Mind, das Netzwerk im Gehirn, das für das Verstehen anderer Perspektiven zuständig ist (medialer präfrontaler Kortex, Temporoparietal Junction). Es kalibriert die soziale Sensitivität des Teams.

Dann folgt stilles Brainwriting: 5 Minuten, in denen jeder seine Gedanken zum Thema notiert, bevor gesprochen wird. Diese Phase eliminiert den Ankereffekt der ersten Aussage und gibt introvertierten Teammitgliedern gleichberechtigten Zugang. In meiner Beratungspraxis kommen die tragfähigsten Ideen auffallend oft von den Leisesten, aber nur wenn die Struktur ihnen Raum gibt.

Es folgt eine strukturierte Diskussion, bei der der Moderator (nicht die Führungskraft) sicherstellt, dass die Gesprächsanteile gleichverteilt bleiben. Und es endet mit einer Frage, die Groupthink vorbeugt: „Was haben wir übersehen? Welche Perspektive fehlt?" Diese Frage allein, konsequent gestellt, kann die Entscheidungsqualität eines Teams um Größenordnungen verbessern.

Theory of Mind: Das neurobiologische Fundament der Teamarbeit

Theory of Mind (ToM) ist die Fähigkeit, sich in die mentalen Zustände anderer hineinzuversetzen: ihre Überzeugungen, Absichten, Wünsche und Emotionen. Neurobiologisch wird ToM von einem Netzwerk getragen, das den medialen präfrontalen Kortex, die Temporoparietal Junction und den superioren temporalen Sulcus umfasst. Woolley und Kollegen fanden 2010 in Science: Die soziale Sensitivität der Mitglieder, gemessen über das Lesen von Emotionen in der Augenpartie, sagte die kollektive Intelligenz einer Gruppe voraus. Nicht weil sie netter sind, sondern weil sie die Informationsverarbeitung des Teams optimieren. Wer versteht, was der andere denkt, kann besser kommunizieren, koordinieren und Konflikte produktiv nutzen.

180
Teams analysierte Google in Project Aristotle (2012-2015)
# 1
Psychologische Sicherheit als wichtigster Faktor für Teameffektivität (Google, Project Aristotle 2015, interner Unternehmensbericht ohne Begutachtung)
15 Jahre
Forschung zu psychologischer Sicherheit, zusammengefasst von Edmondson & Lei in der Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 2014
699
Personen in Gruppen von zwei bis fünf, an denen Woolley und Kollegen den c-Faktor nachwiesen (Science, 2010)
Die Anwendung

Checkliste: Ist Ihr Team kollektiv intelligent?

Diese Fragen helfen Ihnen, den aktuellen Zustand der kollektiven Intelligenz in Ihrem Team einzuschätzen.

Gesprächsanteile: Sprechen in Ihren Meetings alle ungefähr gleich viel, oder dominieren ein bis zwei Stimmen? Messen Sie es beim nächsten Meeting. Das Ergebnis wird Sie überraschen.
Fehlerkultur: Wann hat zuletzt ein Teammitglied offen einen Fehler eingestanden, ohne dass es Konsequenzen hatte? Wenn Sie sich nicht erinnern können, ist die psychologische Sicherheit wahrscheinlich niedrig.
Dissens: Wann hat zuletzt jemand Ihrer Einschätzung offen widersprochen? Wenn das selten vorkommt, liegt es wahrscheinlich nicht daran, dass Sie immer recht haben, sondern daran, dass Ihr Team sozialen Schmerz vermeidet.
Informationsfluss: Erfahren Sie als Führungskraft schlechte Nachrichten rechtzeitig oder verspätet? In Teams mit niedriger psychologischer Sicherheit werden Probleme verschleiert, bis sie nicht mehr verborgen werden können.
Exploration: Wie oft bringen Teammitglieder Informationen von außerhalb des Teams ein? Genau das ist eine der drei Größen, die Pentland 2012 in der Harvard Business Review beschrieb und die seine Gruppe mit soziometrischen Sensoren erfasste (Messplattform: Olguín Olguín et al., 2009). Teams, die nur intern kommunizieren, werden erfahrungsgemäß schnell zu Echokammern.
Stille Stimmen: Wer in Ihrem Team spricht selten? Was wissen Sie über die Perspektive dieser Person? Woolley und Kollegen zeigten 2010, dass ungleich verteilte Redeanteile die kollektive Intelligenz senken. Mein Eindruck aus der Praxis deckt sich damit: Die wertvollsten Beiträge kommen oft von denen, die am wenigsten Raum bekommen.
Lesen Sie den Artikel über Unconscious Bias in dieser Akademie: Wie unbewusste Vorurteile die kognitive Diversität in Teams sabotieren.
Zur Vertiefung

Reflexionsimpulse für Ihre Führungspraxis

Diese Fragen fordern Sie heraus, über Ihre eigene Rolle in der kollektiven Intelligenz Ihres Teams nachzudenken.

Wenn Sie ehrlich sind: Wie oft sprechen Sie in Meetings als Erster? Und was macht das mit der Diskussion danach?
Erinnern Sie sich an eine Entscheidung, die Ihr Team gemeinsam getroffen hat und die besser war als Ihre individuelle Einschätzung? Was war in diesem Moment anders?
Wie reagieren Sie, wenn ein Teammitglied etwas sagt, das Ihrer Überzeugung widerspricht? Mit Neugier oder mit dem Wunsch, Ihre Position zu verteidigen?
Kennen Sie den emotionalen Zustand Ihrer Teammitglieder in diesem Moment? Wenn nicht: Was hindert Sie daran, danach zu fragen?
Was würde passieren, wenn Sie im nächsten Meeting nur Fragen stellen und keine Aussagen machen? Welche Informationen würden zum Vorschein kommen, die sonst verborgen bleiben?
Persönliche Begleitung

Ihr Team auf das nächste Level bringen?

Kollektive Intelligenz lässt sich nicht durch ein Teamevent erzeugen. Sie entsteht durch systematische Veränderung der psychologischen Architektur Ihres Teams. Im Coaching analysieren wir Ihre aktuellen Kommunikationsmuster, identifizieren die Hebel mit dem größten Wirkungspotenzial und begleiten die Transformation.

Kostenloses Erstgespräch buchen
Weiterlesen

Verwandte Impulse

Teamintelligenz verbindet sich mit vielen anderen Themen der Neurowissenschaft. Hier finden Sie ergänzende Artikel.

Kostenloser Guide
Wissenschaftlich fundiertHandverlesene Inhalte

5 Neurowissenschaftliche Prinzipien für wirksame Führung

Kein Spam. Jederzeit abbestellbar. Datenschutz

Stimmen aus der Praxis22 Bewertungen
M.K.

“Ich kam als Geschäftsführer, der ständig reagiert hat. Nach 3 Monaten hatte ich ein System, das mir erlaubt, strategisch zu führen, ohne ständig auf Abruf zu sein.”

Geschäftsführer, IT-Dienstleistung

Arbeitszeit um 12h/Woche reduziert bei höherem Output

S.W.

“Kein anderer Coach hat mir so klar gezeigt, welche Muster mich blockieren. Wissenschaftlich, nicht esoterisch. Das hat den Unterschied gemacht.”

Vorständin, Mittelstand

Beförderung in den Vorstand innerhalb von 8 Monaten

A.R.

“Die Kombination aus psychologischer Tiefe und unternehmerischem Verständnis ist einzigartig. Dennis versteht den Druck, unter dem wir stehen.”

Managing Director, Finanzbranche

Team-Fluktuation von 35% auf 8% gesenkt

1 von 8

Vom Wissen zur Wirkung

Diese Impulse sind der Anfang. Im individuellen Coaching setzen wir genau dort an, wo Sie stehen, und entwickeln eine Strategie, die zu Ihnen passt.

Transparent und ohne Umwege: Pakete und Preise ansehen

Ihr nächster Schritt

Wie sicher fühlt sich Ihr Team?

10 Fragen, 5 Minuten, ohne Anmeldung

Sicherheit prüfen

Dennis Tefett, Executive Coach

Dennis Tefett

Psychologie, Erziehungs- & Sozialwissenschaften (M.Ed.) | Gesundheitsmanager (B.A.)

Ich schreibe diese Impulse aus der Praxis. Wer ein Thema tiefer bearbeiten möchte, findet dafür Seminare und Kurse.

Veröffentlicht am Aktualisiert am

Quellen und weiterführende Lektüre

17 Belege

Jede Angabe wurde einzeln gegen die Originalquelle geprüft.

  1. Woolley, A. W., Chabris, C. F., Pentland, A., Hashmi, N., und Malone, T. W. (2010). Evidence for a Collective Intelligence Factor in the Performance of Human Groups. Science, 330(6004), 686-688.

  2. Stephens, G. J., Silbert, L. J., und Hasson, U. (2010). Speaker-listener neural coupling underlies successful communication. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(32), 14425-14430.

  3. Hasson, U., Ghazanfar, A. A., Galantucci, B., Garrod, S., und Keysers, C. (2012). Brain-to-brain coupling: a mechanism for creating and sharing a social world. Trends in Cognitive Sciences, 16(2), 114-121. Konzeptioneller Übersichtsbeitrag, kein eigener Nachweis.

  4. Olguín Olguín, D., Waber, B. N., Kim, T., Mohan, A., Ara, K., und Pentland, A. (2009). Sensible Organizations: Technology and Methodology for Automatically Measuring Organizational Behavior. IEEE Transactions on Systems, Man, and Cybernetics, Part B (Cybernetics), 39(1), 43-55.

  5. Edmondson, A. (1999). Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350-383.

  6. Edmondson, A. C., und Lei, Z. (2014). Psychological Safety: The History, Renaissance, and Future of an Interpersonal Construct. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 1, 23-43. Übersichtsarbeit.

  7. Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., und Williams, K. D. (2003). Does Rejection Hurt? An fMRI Study of Social Exclusion. Science, 302(5643), 290-292.

  8. Hong, L., und Page, S. E. (2004). Groups of diverse problem solvers can outperform groups of high-ability problem solvers. Proceedings of the National Academy of Sciences, 101(46), 16385-16389. Formal-mathematisches Modell, kein Feldbefund.

  9. Nemeth, C. J., Brown, K. S., und Rogers, J. D. (2001). Devil's advocate versus authentic dissent: stimulating quantity and quality. European Journal of Social Psychology, 31(6), 707-720.

  10. Nemeth, C. J., Personnaz, B., Personnaz, M., und Goncalo, J. A. (2004). The liberating role of conflict in group creativity: A study in two countries. European Journal of Social Psychology, 34(4), 365-374.

  11. Baron-Cohen, S., Wheelwright, S., Hill, J., Raste, Y., und Plumb, I. (2001). The Reading the Mind in the Eyes Test Revised Version. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 42(2), 241-251.

  12. GEGENPOSITION: Credé, M., und Howardson, G. (2017). The structure of group task performance: A second look at collective intelligence. Journal of Applied Psychology, 102(10), 1483-1492. Neuanalyse von sechs veröffentlichten Stichproben, der Generalfaktor erklärt nur wenig Varianz der Gruppenleistung.

  13. EINORDNUNG: Pentland, A. (2012). The New Science of Building Great Teams. Harvard Business Review, 90(4), 60-70. Hier führt Pentland die drei Größen Energie, Engagiertheit und Exploration ein, nicht in der Methodenarbeit von 2009.

  14. EINORDNUNG: Esser, J. K., und Lindoerfer, J. S. (1989). Groupthink and the space shuttle Challenger accident: Toward a quantitative case analysis. Journal of Behavioral Decision Making, 2(3), 167-177. Der Challenger-Fall wurde erst nach Janis von anderen in seinen Rahmen gestellt.

  15. EINORDNUNG: Moorhead, G., Ference, R., und Neck, C. P. (1991). Group Decision Fiascoes Continue: Space Shuttle Challenger and a Revised Groupthink Framework. Human Relations, 44(6), 539-550. Zweite nachträgliche Deutung des Challenger-Falls als Groupthink.

  16. EINORDNUNG: Edmondson, A. C. (2018). The Fearless Organization: Creating Psychological Safety in the Workplace for Learning, Innovation, and Growth. Wiley. Fundstelle der sinngemäß wiedergegebenen Aussage zu Offenheit statt Nettigkeit.

  17. GEGENPOSITION: Hickok, G. (2009). Eight problems for the mirror neuron theory of action understanding in monkeys and humans. Journal of Cognitive Neuroscience, 21(7), 1229-1243. Argumentiert ausdrücklich gegen das Spiegelneuronensystem als Träger von Verstehensleistungen beim Menschen.

Angebote ansehenSeminare, Kurse und Begleitung