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Dennis Tefett · Psychologie, Erziehungs- & Sozialwissenschaften (M.Ed.) | Gesundheitsmanager (B.A.)

Innere Stärke & Resilienz

Stress verstehen: Was im Gehirn passiert

Illustration: Ein Finanzvorstand ist auf der breiten Marmortreppe eines alten Bankhauses stehen geblieben, eine Hand am Handlauf der steinernen Balustrade, die andere auf der Brust, die Augen weit, die Laptoptasche rutscht von der Schulter.
Podcast · 19:58

Podcastfolge zu diesem Beitrag, gesprochen von Dennis Tefett

Warum reagiere ich so, wie ich reagiere?

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Neurowissenschaft

Warum Stress kein Feind ist

Stress ist eine biologische Antwort, die unser Überleben sichert. Problematisch wird er erst, wenn die Stressreaktion chronisch wird und wir die Kontrolle über unsere Reaktion verlieren.

Im Führungsalltag ist Stress allgegenwärtig: enge Deadlines, widersprüchliche Erwartungen, Verantwortung für andere. Doch um Stress wirksam zu regulieren, müssen wir zunächst verstehen, was in unserem Gehirn geschieht. Denn erst das Verständnis der neuronalen Mechanismen ermöglicht es, bewusste Gegenstrategien zu entwickeln.

Alia Crum, Peter Salovey und Shawn Achor haben 2013 im Journal of Personality and Social Psychology gezeigt, wie stark die eigene Haltung zum Stress dessen Wirkung mitbestimmt: Wer Stress als leistungsfördernd einordnete, zeigte eine moderatere Cortisolreaktion und suchte unter Druck aktiv nach Rückmeldung. Nicht der Stressor allein bestimmt also unsere Reaktion, sondern auch unsere Bewertung der Situation. Das ist eine gute Nachricht, denn unsere Bewertung können wir beeinflussen. Der Schlüssel liegt im Verständnis der beteiligten Hirnstrukturen.

Das Gehirn

Drei Schlüsselstrukturen der Stressreaktion

Amygdala: Der Alarmmelder

Die Amygdala scannt permanent unsere Umgebung auf potenzielle Bedrohungen. Erkennt sie Gefahr, löst sie in Millisekunden die Stressreaktion aus, noch bevor der bewusste Verstand eingreifen kann.

Cortisol: Der Treibstoff

Das Stresshormon Cortisol mobilisiert Energie und schärft die Aufmerksamkeit. Kurzfristig steigert es die Leistungsfähigkeit. Chronisch erhöht führt es jedoch zu Erschöpfung, Schlafstörungen und beeinträchtigt das Immunsystem.

Präfrontaler Cortex: Die Bremse

Der präfrontale Cortex ist für rationales Denken, Planung und Impulskontrolle zuständig. Unter starkem Stress wird er teilweise deaktiviert. Deshalb treffen wir unter Druck oft Entscheidungen, die wir später bereuen.

Körperkarte in Seitenansicht mit drei beschrifteten Stellen: Amygdala tief im Kopf, präfrontaler Cortex an der Stirn und die Nebennieren auf den Nieren, verbunden durch einen Signalweg.
Mechanismen

Was bei Stress im Körper geschieht

Die Stressreaktion verläuft in einer vorhersagbaren Kaskade. Wenn Sie diese Kaskade kennen, können Sie an mehreren Stellen regulierend eingreifen.

Wahrnehmung und Bewertung

Alles beginnt mit einem Reiz, der als potenziell bedrohlich bewertet wird. Die Amygdala reagiert dabei auf der Basis vergangener Erfahrungen. Eine kritische E-Mail Ihres Vorgesetzten kann dieselbe neuronale Kaskade auslösen wie eine reale körperliche Bedrohung.

Die Kampf-oder-Flucht-Reaktion

Das sympathische Nervensystem wird aktiviert. Herzfrequenz und Blutdruck steigen, Muskeln spannen sich an, die Atmung wird flacher. Gleichzeitig werden Verdauung und Immunfunktion heruntergefahren. Der Körper bereitet sich auf körperliche Aktion vor.

Die Erstarrungsreaktion

Bei überwältigender Bedrohung kann eine dritte Reaktion eintreten: Freeze. Im Arbeitskontext zeigt sich das als Entscheidungslähmung, Prokrastination oder emotionale Taubheit. Diese Reaktion wird häufig übersehen, ist aber bei chronischem Stress weit verbreitet.

Chronifizierung und Folgen

Wird die Stressreaktion nicht durch Erholung unterbrochen, chronifiziert sie. Das Cortisolniveau bleibt dauerhaft erhöht, der präfrontale Cortex verliert an Leistungsfähigkeit, und die Amygdala wird zunehmend sensibler. Ein Teufelskreis entsteht.

Regulierung und Erholung

Das parasympathische Nervensystem ist der natürliche Gegenspieler der Stressreaktion. Durch bewusste Aktivierung, etwa über tiefe Bauchatmung, Bewegung oder soziale Verbindung, können Sie die Stressreaktion aktiv herunterregulieren.

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht darin, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen.“

— Sinngemäß nach Viktor E. Frankl, Trotzdem Ja zum Leben sagen (1946)

Kreislaufgrafik mit vier Stationen von Bewertung über Mobilisierung und Chronifizierung zur Regulierung, einem Rückweg und dem Nebenweg Erstarrung unter der Mobilisierung.
Illustration: Ein Finanzvorstand steht auf dem Treppenabsatz, die Hand am hölzernen Handlauf und die Tasche abgestellt. Seine Schultern sind gesenkt, er atmet ruhig aus.
Die Erholung ist kein Zusatz zur Stressreaktion, sie ist ihr letzter Schritt und Sie können ihn selbst auslösen.
Führungskontext

Warum Führungskräfte besonders betroffen sind

Führungskräfte erleben eine spezifische Form von Stress: den sogenannten Verantwortungsstress. Sie tragen nicht nur die Last eigener Aufgaben, sondern fühlen sich für die Ergebnisse und das Wohlergehen ihres gesamten Teams verantwortlich. Gleichzeitig befinden sie sich oft in einer Sandwich-Position zwischen den Erwartungen von oben und den Bedürfnissen von unten.

Hinzu kommt ein kulturelles Problem: Viele Führungskräfte haben gelernt, Stress als Leistungsbeweis zu betrachten. Wer gestresst ist, arbeitet hart. Wer keine Erschöpfung zeigt, leistet nicht genug. Diese Überzeugung ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Sie verhindert, dass Stress rechtzeitig als Signal erkannt und reguliert wird.

Wenn es mehr ist als Stress

Chronischer Stress und Erschöpfung können in eine Lage führen, die kein Impuls und kein Coaching auffängt. Wenn Sie über Wochen nicht schlafen, wenn Niedergeschlagenheit oder Angst bleiben oder wenn Sie an Suizid denken, dann gehört das in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123. In einer akuten Notlage wählen Sie die 112.

Kernimpuls

Stress ist kein Zeichen von Schwäche und Stressfreiheit ist keine realistische Option. Was zählt, ist Ihre Fähigkeit, die eigene Stressreaktion zu erkennen, zu verstehen und bewusst zu regulieren. Wer die Mechanismen im eigenen Gehirn versteht, gewinnt Handlungsspielraum. Das ist der erste Schritt zu nachhaltiger Resilienz.

Reflexion

Reflexionsimpulse

Beobachten Sie in den kommenden Tagen Ihre Stressreaktionen und nutzen Sie diese Fragen als Kompass.

Wie äußert sich Stress bei mir körperlich? Welche Signale sendet mein Körper, bevor ich den Stress bewusst wahrnehme?
Welche Situationen im Führungsalltag lösen bei mir die stärksten Stressreaktionen aus? Ist es Zeitdruck, Konflikte oder Kontrollverlust?
Neige ich unter Stress eher zu Kampf (Aktionismus, Aggression), Flucht (Vermeidung, Ablenkung) oder Erstarrung (Entscheidungslähmung)?
Welche Bewertungen verstärken meinen Stress? Gibt es wiederkehrende Gedanken wie „Das muss perfekt sein" oder „Ich darf keine Schwäche zeigen"?
Was hilft mir am zuverlässigsten, nach einer Stressphase wieder in einen ruhigen Zustand zu kommen?

Stress-Bewusstseins-Check

Wie gut verstehen Sie Ihre persönlichen Stressreaktionen?

1. Erkennen Sie Ihre persönlichen Frühwarnsignale für Stress?

2. Wissen Sie, welche Situationen bei Ihnen die stärksten Stressreaktionen auslösen?

3. Haben Sie bewusste Strategien, um Ihre Stressreaktion zu regulieren?

Bitte beantworten Sie alle 3 Fragen.

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Dennis Tefett, Executive Coach

Dennis Tefett

Psychologie, Erziehungs- & Sozialwissenschaften (M.Ed.) | Gesundheitsmanager (B.A.)

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