Reihe·7 Teile·9 Quellen

Narzissmus

Was die Forschung gemessen hat und was daraus folgt

Ein Mann sitzt abends in einem Sessel, ein geschlossenes Buch auf dem Knie, eine Hand auf dem Einband, und blickt nachdenklich auf statt in das Buch.
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Ein Mann liest ein Buch über Narzissmus und erkennt darin drei Menschen aus seinem Umfeld.

Seinen früheren Vorgesetzten, einen Verwandten und, an einer unangenehmen Stelle, sich selbst. Genau das leistet der Begriff im Alltag zuverlässig. Er passt auf sehr viele Menschen. Und genau darin liegt sein Problem als Erklärung. In den kommenden Wochen erscheint hier eine siebenteilige Reihe dazu, was die Forschung tatsächlich gemessen hat.

Sie stützt sich auf sechs Arbeiten, deren Umfang den Unterschied zum Ratgeber ausmacht. In einer nationalen Erhebung in den Vereinigten Staaten wurden 34.653 Erwachsene persönlich befragt. Eddie Brummelman begleitete 565 Kinder und ihre Eltern über anderthalb Jahre, mit vier Erhebungen. Emily Grijalva fasste die Forschung zu Narzissmus und Führung in einer Meta-Analyse zusammen.

Delroy Paulhus stellte Fremde zu Gruppen zusammen, die sich sieben Wochen lang wöchentlich trafen. Mitja Back ließ 73 Erstsemester einander beurteilen, woraus 2.628 Paarurteile entstanden. William Chopik verfolgte 747 Menschen im Alter von 13 bis 77 Jahren. Der Umfang ist der Grund, warum diese Arbeiten mehr tragen als jede Beobachtung im eigenen Umfeld.

Eine Erhebung mit 34.653 Befragten bildet eine Bevölkerung ab. Ein Ratgeber bildet die Praxis seines Verfassers ab. Die sieben Teile bauen aufeinander auf. Teil eins klärt den Begriff und zeigt, warum ein hoher Fragebogenwert und eine Diagnose zwei verschiedene Dinge sind. Teil zwei trennt die laute von der leisen Form, die dasselbe im Kern haben und im Erleben gegensätzlich sind.

Teil drei beantwortet die Frage nach der Entstehung und die Antwort widerspricht der verbreiteten Erzählung. Teil vier erklärt, warum nicht alle Menschen davon voll sind und warum das Merkmal mit dem Alter nachlässt. Die Teile fünf und sechs nehmen die Stärken und die Kosten. Erstaunlich ist beides.

Teil sieben zieht daraus, was für den Umgang bleibt. Ein Hinweis dazu, wie diese Reihe zu lesen ist, gehört an den Anfang und nicht in den letzten Teil. Sie ist kein Werkzeug zur Beurteilung anderer Menschen. Wer beim Lesen an eine bestimmte Person denkt, ist nicht falsch. Wer beim Lesen die Diagnose für diese Person sucht, schon.

Am meisten nimmt mit, wer die Reihe auf eine einzige Frage hinliest. Welches konkrete Verhalten stört mich und wie ließe es sich beschreiben, ohne die Person zu benennen. Diese Übersetzung ist die eigentliche Arbeit. Sie ist unbequem und sie ist der einzige Teil, der etwas verändert. Die Grenze gilt für jeden Teil. Eine Diagnose setzt eine Untersuchung voraus und aus der Ferne ist sie nicht möglich.

Teil 1 von 7

Kein Urteil

Was der Begriff Narzissmus in der Forschung bedeutet

Drei Kollegen stehen mit Tassen in einer Büroküche, zwei sprechen mit leichter Schärfe, die dritte Person hört zu.
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In der Teeküche fällt das Wort über einen Kollegen, der eine Sitzung an sich gerissen hat. Der ist ein Narzisst.

Alle nicken. Der Fall ist damit erledigt. Was als Diagnose klingt, ist an dieser Stelle ein Urteil über einen Nachmittag. In der Forschung bezeichnet der Begriff etwas anderes, und zwar etwas Genaueres. Zlatan Krizan und Anne Herlache haben 2018 einen Vorschlag vorgelegt, der die zersplitterte Literatur ordnet.

Sie beschreiben Narzissmus als Spektrum mit einem gemeinsamen Kern. Dieser Kern besteht aus zwei Dingen. Der eigenen Wichtigkeit und dem Anspruch, mehr zu bekommen als andere.

Jeder Mensch trägt davon etwas. Die Frage ist nicht ob, sondern wie viel.

Daneben steht die Diagnose, und die ist etwas anderes als ein hoher Wert in einem Fragebogen. Wie verbreitet sie ist, wurde in einer der größten Erhebungen zu psychischen Störungen überhaupt untersucht. In der zweiten Welle einer nationalen Studie in den Vereinigten Staaten wurden 34.653 Erwachsene persönlich befragt.

6,2 Prozent erfüllten im Lauf ihres Lebens die Kriterien einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Bei Männern waren es 7,7 Prozent, bei Frauen 4,8. Häufiger betroffen waren jüngere Erwachsene sowie Menschen ohne feste Partnerschaft. Wichtig ist dabei, womit gemessen wurde. Diese Zahl stammt aus klinischen Interviews, nicht aus einem Fragebogen.

Der Fragebogen, mit dem die Forschung sonst arbeitet, heißt Narcissistic Personality Inventory und stammt aus den späten siebziger Jahren. Er wurde an Studierenden entwickelt und erfasst vor allem die laute, selbstsichere Form. Diese Zahl wird gern als Beleg dafür zitiert, dass jeder sechzehnte Mensch ein Narzisst sei. Das ist sie nicht.

Sie beschreibt eine Diagnose nach den damaligen Kriterien, erhoben in den USA, in einem Interview, von geschulten Personen. Der Kollege in der Teeküche wurde nicht untersucht. Über ihn sagt die Zahl nichts.

Prüffrage

Wo in Ihrem Umfeld wird ein Verhalten regelmäßig zu einer Person erklärt?

Teil 2 von 7

Zwei Gesichter

Warum der laute und der gekränkte Typ dasselbe teilen

In einem Besprechungsraum lehnt sich ein Mann zurück und spricht mit weit ausholender Geste, ihm gegenüber sitzt eine Frau aufrecht und in sich gekehrt, den Blick gesenkt.
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Zwei Menschen sitzen in derselben Besprechung. Der eine redet viel, lacht laut und nimmt sich den Raum.

Der andere sagt fast nichts, wirkt gekränkt und zieht sich zurück, als seine Idee übergangen wird. Beide tragen nach den gängigen Fragebögen hohe Narzissmuswerte. Das erscheint zunächst widersprüchlich, weil das Bild vom lauten Selbstdarsteller so fest sitzt. Die Forschung unterscheidet seit Jahrzehnten zwei Ausprägungen.

Die grandiose Form zeigt sich als Selbstsicherheit, Dominanz und sichtbarer Anspruch auf Bewunderung. Die vulnerable Form zeigt sich als Empfindlichkeit, Rückzug und als ständige Beschäftigung damit, wie man wirkt. Joshua Miller, Keith Campbell und Kollegen haben beide Formen in die fünf großen Persönlichkeitsfaktoren eingeordnet.

Das Ergebnis ist eine der aufschlussreichsten Ordnungen in diesem Feld. Beide Formen teilen einen Kern, und der heißt Antagonismus. Gemeint ist eine Grundhaltung gegen andere. Misstrauen, Geringschätzung, wenig Bereitschaft, sich einzufügen. Was die Formen trennt, kommt obendrauf. Bei der grandiosen Form kommt Extraversion hinzu, also Energie nach aussen.

Bei der vulnerablen Form kommt Neurotizismus hinzu, also eine hohe emotionale Verletzlichkeit. Daraus folgt ein Unterschied, der für den Alltag wichtiger ist als jede Beschreibung. Menschen mit hohen grandiosen Werten berichten von hohem Selbstwert und hoher Lebenszufriedenheit. Menschen mit hohen vulnerablen Werten berichten vom Gegenteil, dazu von Anspannung, Scham und Niedergeschlagenheit.

Die eine Form leidet also selten. Die andere fast immer.

Beide Formen hängen dabei nicht einfach zusammen. Eine Arbeitsgruppe um Emanuel Jauk hat 2022 gezeigt, dass die Verbindung gebogen verläuft. Bei niedrigen und mittleren Werten sind die Formen kaum verbunden. Erst bei hohen Werten treten sie gemeinsam auf. Das erklärt, warum dieselbe Person nach außen grandios und im Inneren dünnhäutig sein kann, ohne dass sich das widerspricht.

Damit erklärt sich auch, wer in einer Praxis ankommt und wer nicht. Wer sich großartig fühlt, sucht keine Hilfe. Wer sich ständig gekränkt fühlt, schon.

Prüffrage

Welche der beiden Formen begegnet Ihnen in Ihrem Beruf häufiger?

Teil 3 von 7

Zwei Sätze

Was Kinder prägt und was dabei ständig verwechselt wird

Ein Elternteil kniet im Flur auf Augenhöhe neben einem Kind, eine Hand auf dessen Schulter, beide sehen einander warm an, das Kind hält einen Schulranzen.
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Ein Vater sagt beim Elternabend über seinen Sohn, dieser sei anderen Kindern einfach voraus und brauche deshalb eine Sonderrolle.

Er meint es liebevoll. Er meint es auch ernst. Die verbreitete Erklärung für Narzissmus lautet, dass zu wenig Liebe im Spiel war. Ein kalter Vater, eine unerreichbare Mutter. Diese Erklärung ist alt, sie stammt aus der psychoanalytischen Tradition und sie klingt einleuchtend. Geprüft wurde sie erst 2015, und zwar gegen eine zweite Erklärung.

Eddie Brummelman und Kollegen veröffentlichten dazu in den Proceedings of the National Academy of Sciences. Sie begleiteten 565 Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren und deren Eltern über anderthalb Jahre. Viermal wurde erhoben, jeweils im Abstand von sechs Monaten. Gemessen wurden vier Dinge getrennt voneinander.

Der Narzissmus des Kindes, der Selbstwert des Kindes, die Wärme der Eltern und deren Überhöhung des Kindes. Überhöhung heißt, dass Eltern ihr Kind für besonderer und für berechtigter halten als andere Kinder. Weil viermal gemessen wurde, ließ sich prüfen, was zuerst kam. Genau darin liegt der Wert des Aufbaus. Wer nur einmal misst, sieht zwei Dinge nebeneinander und weiß nichts über die Reihenfolge.

Eltern könnten ihr Kind überhöhen, weil es sich bereits so verhält. Oder es verhält sich so, weil sie es überhöhen. In den Daten ging die Überhöhung voraus. Das Ergebnis fiel deutlich aus und in eine Richtung, die viele nicht erwartet hätten.

Narzissmus wurde durch die Überhöhung vorhergesagt. Nicht durch fehlende Wärme.

Wärme sagte etwas ganz anderes voraus, nämlich den Selbstwert des Kindes. Damit trennen die Daten zwei Dinge, die im Alltag ständig verwechselt werden. Ein Kind, das gesehen und geliebt wird, entwickelt Selbstwert. Ein Kind, dem gesagt wird, es stehe über anderen, entwickelt etwas anderes.

Prüffrage

Welchen der beiden Sätze haben Sie als Kind häufiger gehört?

Teil 4 von 7

Nicht alle

Warum das Merkmal verteilt ist und mit dem Alter nachlässt

Drei Menschen deutlich verschiedenen Alters stehen nebeneinander in einem hellen Raum, ein junger Mann, eine Frau in der Lebensmitte, ein älterer Mann, alle ruhig nach vorn gewandt.
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In jeder Runde über dieses Thema kommt irgendwann die Frage, ob denn heute nicht alle ein bisschen narzisstisch seien.

Gemeint ist meist die Vermutung, dass der Begriff nichts mehr trennt, wenn er auf jeden passt. Die Frage ist berechtigt. Die Antwort steht in der Art, wie das Merkmal verteilt ist. Narzissmus ist in der Forschung keine Schublade, sondern eine Ausprägung, so wie Körpergröße. Fast alle Menschen liegen im mittleren Bereich. Wenige liegen weit oben, wenige weit unten.

Deshalb ist der Satz, dass jeder etwas davon habe, richtig. Und deshalb ist der Schluss, dass alle Narzissten seien, falsch. Ein zweiter Grund liegt darin, dass sich das Merkmal über das Leben verändert. William Chopik und Kevin Grimm haben 747 Menschen im Alter von 13 bis 77 Jahren untersucht, verteilt über sechs Stichproben.

Die Geburtsjahrgänge reichten von 1923 bis 1969, so dass sich Alter und Zeitgeist trennen ließen. Diese Trennung ist nötig, weil sonst zwei Erklärungen durcheinandergehen. Dass Ältere niedrigere Werte zeigen, könnte am Alter liegen oder daran, dass sie in einer anderen Zeit aufgewachsen sind. Die Überempfindlichkeit nahm über die Lebensspanne deutlich ab. Die Eigenwilligkeit nahm leicht ab.

Die Eigenständigkeit dagegen nahm zu. Eine zweite Arbeitsgruppe um Eunike Wetzel kam über einen anderen Weg zum selben Bild. Sie befragte Studierende und dieselben Menschen erneut in der Lebensmitte. Zwischen 18 und 41 Jahren sank der Gesamtwert um rund vier Fünftel einer Standardabweichung. Das ist ein deutlicher Rückgang.

Beides zusammen ergibt einen Befund, der selten erzählt wird.

Der laute Zwanzigjährige, der alles besser weiß, ist statistisch gesehen der Normalfall und nicht der Sonderfall.

Und er ist mit fünfzig meist ein anderer. Was bleibt, ist die Frage nach dem, was sich nicht ändert. Die grandiose Selbstsicherheit sinkt am stärksten. Der antagonistische Kern, also die Haltung gegen andere, bewegt sich am wenigsten. Genau dieser Kern ist es, der im Zusammenleben die Kosten verursacht.

Prüffrage

Wie viel von dem, was Sie mit fünfundzwanzig für Stärke hielten, halten Sie heute noch dafür?

Teil 5 von 7

Gewählt, nicht wirksam

Was Selbstsicherheit im Auswahlverfahren wirklich bewirkt

Ein Auswahlgespräch in einem hellen Besprechungsraum, vier Menschen sitzen auf einer Seite des langen Tisches, gegenüber spricht eine Bewerberin aufrecht und mit offener Hand.
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Eine Stelle wird neu besetzt. Von acht Personen im Raum spricht eine als Erste, klar und ohne Zögern.

Am Ende der Sitzung ist sie die Kandidatin, an die sich alle erinnern. Die naheliegende Deutung wäre, dass sie am besten geeignet ist. Die Datenlage dazu ist ungewöhnlich klar und ungewöhnlich unbequem. Emily Grijalva und Kollegen haben 2015 in Personnel Psychology eine Meta-Analyse dazu vorgelegt. Eine Meta-Analyse fasst viele Einzelstudien rechnerisch zusammen und ist deshalb belastbarer als jede von ihnen.

Die Arbeit trennt zwei Fragen, die im Alltag ständig vermischt werden. Erstens, wer wird zur Führungsperson. Zweitens, wer führt gut. Diese Trennung ist in der Führungsforschung seit Langem bekannt und wird im Alltag trotzdem selten gemacht. Wer auftaucht, wird gewählt. Wer wirksam ist, liefert Ergebnisse. Beides fällt seltener zusammen als angenommen.

Für die erste Frage gilt ein deutlicher Zusammenhang. Höhere Narzissmuswerte gingen damit einher, als Führungsperson wahrgenommen und ausgewählt zu werden. Für die zweite Frage galt das nicht. Beurteilten Vorgesetzte, Mitarbeitende oder Kollegen die Wirksamkeit, fand sich kein Zusammenhang. Beurteilten die Betreffenden sich selbst, fand sich einer, und zwar ein positiver.

Diese Lücke zwischen Selbstbild und Fremdbild ist einer der verlässlichsten Befunde des Feldes. Damit ist die Frage nach den Stärken aber noch nicht beantwortet. Die Arbeit fand nämlich, dass die scheinbare Null etwas verdeckt. Der Zusammenhang verläuft nicht gerade, sondern gebogen. Sehr niedrige Werte gingen mit schlechteren Beurteilungen einher. Sehr hohe ebenfalls. Am besten schnitt der mittlere Bereich ab.

Ein Anteil an Selbstsicherheit und Anspruch hilft also. Zu viel davon kostet.

Das erklärt, warum beide Lager im Streit über dieses Thema Belege finden. Wer die Stärken betont, sieht den aufsteigenden Ast. Wer die Schäden betont, sieht den absteigenden.

Prüffrage

Wie viel Ihrer letzten Auswahlentscheidung beruhte auf Auftreten und wie viel auf geprüfter Arbeit?

Teil 6 von 7

Woche eins

Warum der erste Eindruck etwas anderes misst als die Arbeit

Fünf Menschen sitzen im Stuhlkreis eines schlichten Seminarraums, einer spricht mit leichtem Lächeln, die übrigen sind ihm interessiert zugewandt.
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Ein neuer Kollege kommt ins Team. Nach zwei Wochen sind sich alle einig, dass er ein Gewinn ist.

Nach sechs Monaten sind sich alle einig, dass er anstrengend ist. Dazwischen ist nichts Besonderes passiert. Die übliche Deutung lautet, dass er sich verstellt hat und irgendwann die Maske fiel. Zwei Untersuchungen legen etwas Sachlicheres nahe. Die Person hat sich nicht verändert, die Beurteilung hat sich verändert.

Delroy Paulhus hat 1998 Fremde zu Gruppen zusammengestellt, die sich sieben Wochen lang wöchentlich zwanzig Minuten unterhielten. Beurteilt wurde zweimal. Nach der ersten Sitzung und nach der letzten. Nach der ersten Sitzung galten Menschen mit hohen Narzissmuswerten als durchsetzungsfähig, selbstsicher, unterhaltsam und intelligent.

Dieselben Menschen galten nach sieben Wochen als arrogant, angeberisch und feindselig. Der Aufbau schliesst dabei eine bequeme Erklärung aus. Es waren dieselben Beurteilenden und dieselbe Gruppe. Mitja Back und Kollegen haben 2010 nachgelegt und die Frage gestellt, woher der erste gute Eindruck eigentlich kommt.

73 Erstsemester stellten sich einander kurz vor und beurteilten sich anschließend gegenseitig. Weil jeder jeden beurteilte, entstanden daraus 2.628 Paarurteile. Narzissmus führte auch hier zu Beliebtheit auf den ersten Blick. Der eigentliche Befund liegt aber in der Frage, welcher Anteil dafür verantwortlich war.

Es war ausgerechnet der Anteil, der langfristig am meisten Schaden anrichtet. Anspruchsdenken und die Bereitschaft, andere auszunutzen.

Was auf Dauer stört, ist also genau das, was am Anfang anzieht.

Bemerkenswert ist, wie wenig Kontakt für den Umschwung nötig war. Sieben Sitzungen zu zwanzig Minuten sind gut zwei Stunden. Das ist ein Bruchteil dessen, was für eine Freundschaft nötig wäre. Für die Umkehrung eines Urteils genügte es.

Prüffrage

Wen haben Sie beim ersten Treffen unterschätzt, weil er leise war?

Teil 7 von 7

Verhalten, nicht Person

Warum ein Etikett das Gespräch beendet und nichts klärt

Zwei Kollegen sitzen einander in einem ruhigen Büro zu einem schwierigen Gespräch gegenüber, einer spricht ruhig mit offener Hand, der andere hört ohne Abwehr zu, der Schreibtisch zwischen ihnen ist leer.
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Am Ende eines Seminartags kommt die Frage, die immer kommt. Wie geht man denn nun mit so jemandem um.

Gemeint ist eine bestimmte Person, meist eine vorgesetzte. Die Frage ist verständlich. Sie enthält aber bereits eine Festlegung, die keine Grundlage hat. Aus allen Befunden dieser Reihe folgt zuerst eine Einschränkung und erst danach ein Vorgehen. Eine Diagnose setzt eine Untersuchung voraus. Sie wird von Fachleuten gestellt, in einem Gespräch, mit der betroffenen Person.

Aus der Ferne ist sie nicht möglich, und zwar unabhängig davon, wie eindeutig das Verhalten wirkt.

Das ist keine Förmlichkeit. Wer ein Etikett vergibt, hört auf, das Verhalten zu beobachten.

Ab diesem Punkt wird jede Handlung der Person als Beleg gelesen, auch die freundliche. Nüchterner ist der Weg über das Verhalten, und der ist zugleich der wirksamere. Beschreiben, was geschehen ist. In der Sitzung wurden meine Zahlen ohne Nennung übernommen. Nicht deuten, was es bedeutet. Und nicht benennen, was jemand angeblich ist.

Diese Trennung ist nicht nur höflicher, sie ist belastbarer. Ein Vorgang lässt sich klären, eine zugeschriebene Persönlichkeit nicht. Aus der Meta-Analyse zur Führung folgt ein zweiter Punkt, der Organisationen betrifft und nicht Einzelne. Wer Auswahl auf Auftreten stützt, wählt zuverlässig nach dem ersten Eindruck aus.

Genau dort wirkt der Anteil am stärksten, der auf Dauer am meisten kostet. Eine Auswahl, die eine Arbeitsprobe und Rückmeldungen früherer Teams einbezieht, misst etwas anderes als eine, die auf Gesprächsrunden beruht. Der dritte Punkt betrifft die Erwartung an Veränderung. Die Längsschnittdaten zeigen einen Rückgang über die Lebensspanne, besonders bei der Empfindlichkeit und bei der grandiosen Selbstsicherheit.

Der antagonistische Kern bewegt sich am wenigsten. Wer also darauf wartet, dass sich das Verhalten gegenüber anderen von selbst gibt, wartet auf den Teil, der sich am wenigsten bewegt. Ein vierter Punkt betrifft die eigene Rolle und wird meist übersehen. Wer über Monate mit einem solchen Muster zu tun hat, ändert sein eigenes Verhalten. Vorsicht wird zur Gewohnheit, Rückmeldung unterbleibt.

Damit verschwindet genau die Rückmeldung, an der sich etwas ändern könnte. Was bleibt, ist ein sachlicher Umgang mit einem Begriff, der gerade überall verwendet wird. Er beschreibt eine Ausprägung, die jeder Mensch in einem gewissen Maß hat, keine Menschengruppe. Er ist keine Erklärung für schwieriges Verhalten, sondern bestenfalls eine Beschreibung davon.

Und er gehört, wo er als Diagnose gemeint ist, in fachliche Hände und nicht in eine Teeküche.

Prüffrage

Was würde sich in Ihrem Haus ändern, wenn Auswahl weniger auf Auftreten beruhte?

Worauf sich diese Reihe stützt

  1. Stinson, F. S. und Kollegen
    2008
    Prevalence, correlates, disability, and comorbidity of DSM-IV narcissistic personality disorder
    Journal of Clinical Psychiatry. 34.653 Befragungen in den USA
  2. Krizan, Z. und Herlache, A. D.
    2018
    The Narcissism Spectrum Model
    Personality and Social Psychology Review
  3. Miller, J. D., Campbell, W. K. und Kollegen
    ohne Jahresangabe im Register
    Narzissmus aus der Sicht der fünf grossen Persönlichkeitsfaktoren
    Gemeinsamer Kern beider Formen ist Antagonismus
  4. Brummelman, E. und Kollegen
    2015
    Origins of narcissism in children
    PNAS. 565 Kinder und ihre Eltern. Kealy und Kollegen haben widersprochen, Brummelman hat geantwortet
  5. Grijalva, E., Harms, P. D., Newman, D. A., Gaddis, B. H. und Fraley, R. C.
    2015
    Narcissism and leadership
    Personnel Psychology 68(1), 1 bis 47. Meta-Analyse
  6. Paulhus, D. L.
    1998
    Sieben wöchentliche Gruppengespräche unter Fremden
    Nach der ersten Sitzung selbstsicher und unterhaltsam beurteilt, nach sieben Wochen arrogant und feindselig
  7. Back, M. D., Schmukle, S. C. und Egloff, B.
    2010
    Why are narcissists so charming at first sight?
    Journal of Personality and Social Psychology. 73 Erstsemester, 2.628 Paarurteile
  8. Chopik, W. J. und Grimm, K. J.
    2019
    Narzissmus über die Lebensspanne, sechs Stichproben
    747 Menschen im Alter von 13 bis 77 Jahren
  9. Wetzel, E. und Kollegen
    2020
    Längsschnitt von Studierenden bis in die Lebensmitte
    Der Gesamtwert im Narcissistic Personality Inventory sank zwischen 18 und 41 Jahren
Was die Befunde nicht hergeben

Jede Angabe wurde am 29.08.2026 an der Quelle geprüft. Die Befunde stammen überwiegend aus Befragungen und Laborstudien. Sie zeigen Zusammenhänge und keine Ursache-Wirkung-Ketten im Alltag, und die Stärke dieser Zusammenhänge ist durchweg moderat. Wo eine Übertragung auf eine andere Gruppe stattfindet, steht das im jeweiligen Beitrag.

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