Kein Urteil
Was der Begriff Narzissmus in der Forschung bedeutet

In der Teeküche fällt das Wort über einen Kollegen, der eine Sitzung an sich gerissen hat. Der ist ein Narzisst.
Alle nicken. Der Fall ist damit erledigt. Was als Diagnose klingt, ist an dieser Stelle ein Urteil über einen Nachmittag. In der Forschung bezeichnet der Begriff etwas anderes, und zwar etwas Genaueres. Zlatan Krizan und Anne Herlache haben 2018 einen Vorschlag vorgelegt, der die zersplitterte Literatur ordnet.
Sie beschreiben Narzissmus als Spektrum mit einem gemeinsamen Kern. Dieser Kern besteht aus zwei Dingen. Der eigenen Wichtigkeit und dem Anspruch, mehr zu bekommen als andere.
Jeder Mensch trägt davon etwas. Die Frage ist nicht ob, sondern wie viel.
Daneben steht die Diagnose, und die ist etwas anderes als ein hoher Wert in einem Fragebogen. Wie verbreitet sie ist, wurde in einer der größten Erhebungen zu psychischen Störungen überhaupt untersucht. In der zweiten Welle einer nationalen Studie in den Vereinigten Staaten wurden 34.653 Erwachsene persönlich befragt.
6,2 Prozent erfüllten im Lauf ihres Lebens die Kriterien einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Bei Männern waren es 7,7 Prozent, bei Frauen 4,8. Häufiger betroffen waren jüngere Erwachsene sowie Menschen ohne feste Partnerschaft. Wichtig ist dabei, womit gemessen wurde. Diese Zahl stammt aus klinischen Interviews, nicht aus einem Fragebogen.
Der Fragebogen, mit dem die Forschung sonst arbeitet, heißt Narcissistic Personality Inventory und stammt aus den späten siebziger Jahren. Er wurde an Studierenden entwickelt und erfasst vor allem die laute, selbstsichere Form. Diese Zahl wird gern als Beleg dafür zitiert, dass jeder sechzehnte Mensch ein Narzisst sei. Das ist sie nicht.
Sie beschreibt eine Diagnose nach den damaligen Kriterien, erhoben in den USA, in einem Interview, von geschulten Personen. Der Kollege in der Teeküche wurde nicht untersucht. Über ihn sagt die Zahl nichts.
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