Reihe·4 Teile·6 Quellen

Persönlichkeitsentwicklung

Was sich an einem Menschen wirklich bewegen lässt

Ein Mann sitzt am frühen Morgen seitlich an einem Tisch am Fenster, vor ihm ein aufgeschlagenes Heft und eine Tasse, die Hände ruhen auf dem Papier.
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Zum dritten Mal in vier Jahren nimmt sich jemand dasselbe vor. Gelassener werden, weniger schnell gereizt sein.

Der Vorsatz hält jedes Mal einige Wochen. Danach steht der Satz im Raum, dass man eben so ist, wie man ist. In den kommenden Wochen erscheint hier eine vierteilige Reihe dazu, was sich an Persönlichkeit tatsächlich verändern lässt. Sie stützt sich auf drei Arbeiten, die zusammen ein ungewöhnlich klares Bild ergeben.

Brent Roberts fasste 207 Studien zusammen, in denen Persönlichkeitsmerkmale während einer Behandlung mehrfach gemessen wurden. Nathan Hudson führte zwei Untersuchungen über je 16 Wochen mit wiederholter Messung. Mirjam Stieger prüfte an 1.523 Menschen, was eine tägliche Begleitung über drei Monate ausrichtet.

Der Unterschied zwischen den drei Arbeiten ist dabei aufschlussreich. Roberts fasste Behandlungen zusammen, also Menschen mit Beschwerden. Hudson und Stieger untersuchten Menschen ohne Krankheitswert, die sich schlicht etwas vornahmen. Dass in beiden Fällen etwas messbar war, macht den Befund belastbarer als jede einzelne Studie.

Der gemeinsame Befund lässt sich in einem Satz sagen. Persönlichkeit ist träge, aber sie steht nicht fest. Was sich bewegt, bewegt sich in der Größenordnung eines halben Jahres, nicht eines Wochenendes. Die vier Teile folgen der Reihenfolge, in der die Fragen im Leben auftauchen. Teil eins beantwortet, ob überhaupt etwas geht, und mit welchem Maß zu rechnen ist.

Teil zwei erklärt, warum Vorsätze scheitern, obwohl der Wille da ist. Es liegt selten am Willen. Teil drei zeigt, was Häufigkeit gegenüber Einsicht ausrichtet, und warum drei Minuten am Abend mehr bewegen als ein Seminartag. Teil vier benennt die Grenzen, auch die unbequemen. Wer die Reihe nutzen möchte, kann in der Woche des ersten Teils bereits anfangen.

Wählen Sie ein einziges Merkmal, an dem Sie etwas ändern möchten, und schreiben Sie es in Ihren eigenen Worten auf. Suchen Sie danach die eine wiederkehrende Gelegenheit, in der sich dieses Merkmal im Alltag zeigt. Eine Besprechung, ein Weg, eine Pause. Mehr braucht es zu Beginn nicht. Genau diese Übersetzung vom Wunsch in eine Gelegenheit war in den Daten der Unterschied zwischen Bewegung und Stillstand.

Zwei Einschränkungen gehören an den Anfang. Die berichteten Veränderungen sind mittelgroß. Spürbar, aber keine Verwandlung. Wer mehr erwartet, wird die eigene Bewegung übersehen. Und fast alle Nachweise beruhen auf Selbstauskunft. Wer sich ein halbes Jahr mit einem Ziel beschäftigt, sieht sich danach anders.

Ob andere ihn anders sehen, ist selten geprüft worden. Deshalb steht im letzten Teil eine Gegenprobe, die zwei Minuten kostet.

Teil 1 von 4

So bin ich eben

Was sich in einem halben Jahr tatsächlich bewegt

Eine Frau sitzt allein auf einer Parkbank im weichen Tageslicht, die Hände im Schoß, und blickt nachdenklich nach vorn.
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Im Gespräch fällt der Satz beiläufig und klingt wie eine Feststellung. So bin ich eben.

Er beendet das Thema zuverlässig, weil ihm niemand widersprechen kann, ohne unhöflich zu werden. Gemeint ist meist, dass Persönlichkeit feststeht. Diese Annahme galt lange auch in der Forschung. Merkmale seien ab dem dreißigsten Lebensjahr weitgehend stabil. Brent Roberts und Kollegen haben 2017 geprüft, ob das stimmt, wenn jemand aktiv daran arbeitet.

Ihre Arbeit im Psychological Bulletin fasst 207 Studien zusammen. Aufgenommen wurden nur Untersuchungen, in denen Persönlichkeitsmerkmale während einer Behandlung mehrfach gemessen wurden. Darunter waren echte Experimente mit Zufallszuteilung und einfachere Vorher-Nachher-Vergleiche. Behandelt wurde etwa eine Angststörung, das Merkmal lief nebenher mit.

Genau das macht den Befund bemerkenswert. Die Veränderung war häufig ein Nebenergebnis und kein Ziel. Die durchschnittliche Dauer betrug 24 Wochen, also ein halbes Jahr. In dieser Zeit veränderten sich die Merkmale um durchschnittlich 0,37 Standardabweichungen. Diese Zahl braucht eine Einordnung, sonst klingt sie nach nichts oder nach allem.

0,37 ist ein mittlerer Effekt. Keine Verwandlung, aber deutlich mehr als das, was sich in einem halben Jahr von selbst tut. Am stärksten bewegte sich die emotionale Stabilität, also der Umgang mit Anspannung, Sorge und Kränkbarkeit. An zweiter Stelle folgte die Extraversion. Zwei weitere Befunde derselben Arbeit sind wichtiger als der Mittelwert.

Die Veränderungen zeigten sich in experimentellen wie in nicht experimentellen Studien. Das Ergebnis hängt also nicht am Studientyp. Und sie blieben in Nachbefragungen bestehen, über das Ende der Behandlung hinaus. Damit ist der Satz, dass Persönlichkeit feststeht, in dieser Form nicht haltbar.

Was er richtig beschreibt, ist die Trägheit. Ohne Anlass bewegt sich wenig.

Was sich dabei im Menschen ändert, hat Phillippa Lally 2010 an einem einfacheren Fall vermessen. 96 Freiwillige nahmen sich ein tägliches Verhalten vor und berichteten zwölf Wochen lang, ob es ihnen leichtfiel. Die Selbstverständlichkeit stieg nicht gleichmäßig, sondern folgte einer Sättigungskurve. Erst steil, dann flacher, dann kaum noch.

Prüffrage

Welche Eigenschaft an sich halten Sie für unveränderlich, ohne es je über ein halbes Jahr geprüft zu haben?

Teil 2 von 4

Der Vorsatz

Warum ein Ziel eine Uhrzeit braucht, sonst geschieht nichts

Eine Kantine am Mittag, eine Frau steht mit ihrem Tablett neben einer langen Tafel und zögert bei der Wahl des Platzes, während die Sitzenden miteinander sprechen.
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Jemand nimmt sich vor, offener auf Menschen zuzugehen. Drei Monate später ist alles wie vorher.

Die naheliegende Erklärung lautet, dass der Wille zu schwach war. Zwei Untersuchungen legen etwas anderes nahe. Der Wille war da, aber er hatte keine Adresse. Nathan Hudson und Chris Fraley haben dazu 2015 im Journal of Personality and Social Psychology zwei Studien vorgelegt. Beide liefen über 16 Wochen, mit Zufallszuteilung und mit engmaschiger Messung.

Gefragt wurde zu Beginn, in welchem Merkmal jemand zulegen möchte. Wer sich das vornahm, berichtete über die 16 Wochen tatsächlich einen Zuwachs in diesem Merkmal. Der Zuwachs zeigte sich nicht nur in der Selbsteinschätzung, sondern auch im berichteten Verhalten des Alltags. Also nicht nur darin, wie jemand sich sah, sondern darin, was er an einem gewöhnlichen Dienstag tat.

Eine Mega-Analyse derselben Arbeitsgruppe hat den Befund 2020 über zwölf Längsschnittstudien geprüft. Veränderungsziele sagten den Zuwachs verlässlich vorher. Eine spätere Arbeit derselben Gruppe fand einen Zusatz, der alles entscheidet. Wer seine Verhaltensziele tatsächlich erreichte, veränderte sich.

Wer sie sich nur vornahm, deutlich weniger. Der Unterschied lässt sich an einem Beispiel zeigen.

Offener werden ist kein Ziel, sondern eine Beschreibung eines Zustands. Daran lässt sich am Dienstag nichts tun.

In der Mittagspause den Platz neben einem Menschen wählen, den ich noch nicht kenne, ist eine Handlung. Sie ist klein, sie ist überprüfbar und sie wiederholt sich von selbst.

Prüffrage

Welchen Vorsatz tragen Sie seit Jahren mit sich, ohne dass er je eine Uhrzeit bekommen hat?

Teil 3 von 4

Drei Minuten

Was Häufigkeit gegenüber Einsicht ausrichtet

Eine Frau sitzt abends im warmen Lampenlicht auf der Bettkante, hält ein Mobiltelefon locker in einer Hand und blickt nachdenklich in den Raum statt auf den Bildschirm.
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Ein Mensch lädt sich eine Anwendung auf das Telefon, weil er geduldiger werden möchte.

Der Gedanke daran ist unangenehm, weil es nach einer Abkürzung klingt, die es nicht geben kann. Genau diese Frage wurde 2021 in den Proceedings of the National Academy of Sciences untersucht. Mirjam Stieger und Kollegen haben eine Anwendung geprüft, die über drei Monate täglich begleitete. Teilgenommen haben 1.523 Menschen, zufällig aufgeteilt auf die Anwendung und auf eine Wartegruppe.

Eine Wartegruppe ist wichtig, weil sich sonst nicht trennen ließe, was die Zeit tut und was die Begleitung tut. Die Anwendung selbst war unspektakulär. Tägliche kurze Aufzeichnungen, Erinnerungen an das eigene Ziel, kurze Erklärvideos, Anlässe zum Nachdenken und Rückmeldungen zum Verlauf. Wer in einem Merkmal zunehmen wollte, veränderte sich um 0,52 Standardabweichungen.

Wer in einem Merkmal abnehmen wollte, um 0,58. Das sind mittlere bis deutliche Werte und sie liegen über dem, was Roberts und Kollegen für Behandlungen mit 24 Wochen berichteten. Drei Monate sind dabei kürzer als die 24 Wochen, über die Roberts und Kollegen berichteten. Die Veränderung fiel trotzdem nicht kleiner aus.

Das spricht dafür, dass nicht die Dauer allein zählt, sondern wie oft eine Sache berührt wird. Es gab keine Gesprächstherapie, keine Gruppe und keine Veranstaltung. Es gab eine tägliche Erinnerung und einen Ort für die eigene Beobachtung.

Wirksam war nicht die Menge an Einsicht, sondern die Häufigkeit der Gelegenheit.

Denselben Punkt zeigte Phillippa Lally 2010 an 96 Menschen, die zwölf Wochen lang ein tägliches Verhalten verfolgten. Je öfter das Verhalten in derselben Lage stattfand, desto selbstverständlicher wurde es. Die Kurve stieg zuerst steil und flachte dann ab. Übertragen heißt das: Die ersten Wiederholungen bringen am meisten. Genau sie fallen aber am schwersten, weil noch nichts von selbst läuft.

Prüffrage

Welche eine Frage könnten Sie sich abends stellen, ohne dass es Ihren Tag verlängert?

Teil 4 von 4

Weniger als gedacht

Was Entwicklung leistet und was sie nicht einlöst

Ein Mann sitzt abends am Küchentisch, vor ihm ein geschlossenes Heft, eine Hand auf dem Einband, sein Ausdruck ist nüchtern und nicht enttäuscht.
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Nach einem halben Jahr Arbeit an sich selbst kommt bei vielen derselbe Satz. Es hat sich weniger verändert, als ich dachte.

Gemeint ist meist ein Vergleich mit einer Erwartung, die niemand je ausgesprochen hat. Deshalb lohnt der Blick darauf, was diese Forschung tatsächlich verspricht und was nicht. Die berichteten Effekte liegen zwischen 0,37 und 0,58 Standardabweichungen. Übersetzt heißt das, jemand rückt spürbar, aber er wird kein anderer Mensch.

Wer vorher zu den zurückhaltendsten zwanzig Prozent gehörte, gehört danach vielleicht zu den unteren dreißig. Das ist im Alltag deutlich zu merken und es ist weit entfernt von einer Verwandlung. Der zweite Punkt betrifft die Frage, was sich leichter bewegt und was schwerer. In der Übersicht von Roberts und Kollegen veränderte sich die emotionale Stabilität am stärksten, danach die Extraversion.

In den Arbeiten zur Lebensspanne zeigte sich dasselbe Muster von der anderen Seite. Empfindlichkeit ging über die Jahre deutlich zurück. Die Haltung gegen andere bewegte sich am wenigsten. Beide Befunde deuten in dieselbe Richtung.

Was mit dem eigenen Erleben zu tun hat, ist zugänglicher. Was mit der Haltung gegenüber anderen zu tun hat, ist zäher.

Das ist keine erfreuliche Nachricht, aber eine brauchbare. Wer an seiner Anspannung arbeitet, arbeitet an dem Teil mit der besten Aussicht. Wer an seiner Geringschätzung anderer arbeitet, arbeitet an dem Teil, der am wenigsten nachgibt. Und braucht dafür Rückmeldung von außen. Ein weiterer Punkt betrifft die Richtung, in die gearbeitet wird.

In den Untersuchungen zur absichtlichen Veränderung wollten fast alle dasselbe. Gelassener, verträglicher, gewissenhafter, offener. Kaum jemand wollte weniger davon. Das ist verständlich und es begrenzt die Aussage. Geprüft wurde die Bewegung zu dem hin, was ohnehin als wünschenswert gilt. Der dritte Punkt ist der unbequemste und betrifft die Messung selbst.

Fast alle Wirkungsnachweise dieser Forschung beruhen auf Selbstauskunft. Wer sich ein halbes Jahr mit einem Ziel beschäftigt, sieht sich danach anders. Ob andere ihn anders sehen, wurde selten geprüft. Damit steht ein Teil des Fortschritts unter Vorbehalt.

Prüffrage

Wen könnten Sie fragen, ob ihm an Ihnen in diesem Jahr etwas aufgefallen ist?

Worauf sich diese Reihe stützt

  1. Roberts, B. W. und Kollegen
    2017
    A systematic review of personality trait change through intervention
    Psychological Bulletin 143(2). 207 Studien, im Mittel 24 Wochen, d = 0,37
  2. Hudson, N. W. und Fraley, R. C.
    2015
    Volitional personality trait change
    Journal of Personality and Social Psychology 109, 490 bis 507. Zwei randomisierte Studien über je 16 Wochen
  3. Hudson, N. W., Fraley, R. C., Chopik, W. J. und Briley, D. A.
    2020
    Mega-Analyse über zwölf intensive Längsschnittstudien
    Veränderungsziele sagten den Zuwachs im Merkmal vorher
  4. Stieger, M. und Kollegen
    2021
    Changing personality traits with the help of a digital personality change intervention
    PNAS. Randomisierte kontrollierte Studie über drei Monate, 1.523 Teilnehmende
  5. Chopik, W. J. und Grimm, K. J.
    2019
    Narzissmus über die Lebensspanne, aus der Narzissmus-Reihe übernommen
    747 Menschen im Alter von 13 bis 77 Jahren
  6. Wetzel, E. und Kollegen
    2020
    Längsschnitt von Studierenden bis in die Lebensmitte, übernommen
    Der antagonistische Kern bewegt sich am wenigsten
Was die Befunde nicht hergeben

Jede Angabe wurde am 29.08.2026 an der Quelle geprüft. Die Befunde stammen überwiegend aus Befragungen und Laborstudien. Sie zeigen Zusammenhänge und keine Ursache-Wirkung-Ketten im Alltag, und die Stärke dieser Zusammenhänge ist durchweg moderat. Wo eine Übertragung auf eine andere Gruppe stattfindet, steht das im jeweiligen Beitrag.

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