Dialogue Edition · ZUHÖREN

Aktives Zuhören: Was Ihr Gehirn beim echten Zuhören tut

Warum echtes Zuhören eine neuronale Hochleistung ist und wie zwei Gehirne dabei in denselben Takt geraten.

Dennis Tefett6 Minuten Lesezeit
Zwei Menschen im vertrauten Gespräch, eine Person hört sichtbar aufmerksam zu, warmes Sage- und Kupferlicht

Wir hören jeden Tag stundenlang zu. In Gesprächen, in Meetings, am Telefon. Und doch bleibt am Ende oft erstaunlich wenig haften. Der Grund liegt nicht an Ihren Ohren. Er liegt daran, dass echtes Zuhören eine der anspruchsvollsten Leistungen ist, zu der Ihr Gehirn fähig ist.

Zuhören ist Hochleistung, kein Nichtstun

Von außen sieht Zuhören aus wie Nichtstun. Der eine spricht, der andere schweigt. Doch im Gehirn des Zuhörers läuft in diesem Moment ein Hochleistungsprogramm. Es zerlegt Laute in Wörter, Wörter in Bedeutung, gleicht das Gehörte mit dem eigenen Wissen ab und errät oft schon, worauf der andere hinauswill.

Genau deshalb ermüdet aufmerksames Zuhören. Es ist kein Warten auf die eigene Redezeit, sondern konzentrierte Denkarbeit. Und weil diese Arbeit anstrengt, schaltet das Gehirn gern in den bequemeren Modus. Es hört nur mit halbem Ohr zu und bereitet im Hintergrund bereits die eigene Antwort vor.

Wenn zwei Gehirne sich koppeln

Der Neurowissenschaftler Uri Hasson und seine Kollegen machten ein bemerkenswertes Phänomen sichtbar. Wenn ein Mensch spricht und ein anderer aufmerksam zuhört, gleicht sich die Aktivität ihrer Gehirne an. Die Forscher nennen das neuronale Kopplung, im Englischen Neural Coupling.

Je stärker sich beide Gehirne koppeln, desto besser versteht der Zuhörer, was gemeint ist. Bei den besten Zuhörern lief die Hirnaktivität dem Sprecher sogar leicht voraus. Ihr Gehirn ahnte den nächsten Gedanken, bevor er ausgesprochen war. Verstehen ist also kein Empfangen fertiger Pakete, sondern ein gemeinsames Schwingen zweier Gehirne.

Zwei Profile in warmem Sage- und Kupferton, deren Wellenmuster sich zu einem gemeinsamen Rhythmus angleichen, Sinnbild für neuronale Kopplung
Bei echtem Zuhören schwingen die Gehirne von Sprecher und Zuhörer im selben Takt.
Infografik
Infografik: Beim aufmerksamen Zuhören koppeln sich die Gehirne von Sprecher und Zuhörer und schwingen im gleichen Takt. Verstehen heißt, im Gleichklang zu schwingen. Nach Stephens und Hasson, 2010.
Neuronale Kopplung: die Gehirne von Sprecher und Zuhörer synchronisieren sich.

Drei Ebenen: verstehen, mitschwingen, Neues entstehen lassen

Zuhören geschieht auf drei Ebenen, die aufeinander aufbauen. Die erste ist das kognitive Zuhören. Hier verarbeitet Ihr Gehirn die Wörter und ihren Sinn. Das beherrscht fast jeder, denn es ist die Grundstufe des Verstehens.

Die zweite Ebene ist das emotionale Mitschwingen. Sie hören nicht nur, was gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird. Der Neurowissenschaftler Matthew Lieberman zeigte, dass schon das Benennen eines Gefühls in Worten die Aktivität der Amygdala dämpft, jener Region, die Stress und Angst verarbeitet. Wer beim Zuhören das Gefühl des anderen behutsam in Worte fasst, schenkt ihm genau diese Entlastung.

Die dritte Ebene ist die seltenste. Hier hören zwei Menschen einander so aufmerksam zu, dass zwischen ihnen etwas Neues entsteht, ein Gedanke, den keiner von beiden allein gehabt hätte. Auf dieser Ebene wird Zuhören schöpferisch.

Drei aufsteigende Ebenen in Sage, Kupfer und Rose, Sinnbild für kognitives, emotionales und schöpferisches Zuhören
Zuhören reicht vom reinen Verstehen bis zum gemeinsamen Denken.
Infografik
Infografik: Die drei Ebenen des aktiven Zuhörens. Erstens Verstehen, die Worte erfassen. Zweitens Mitschwingen, das Gefühl spüren. Drittens gemeinsam Neues entstehen lassen. Echtes Zuhören ist aktive Denkarbeit.
Die drei Ebenen des Zuhörens: Verstehen, Mitschwingen, Neues entstehen lassen.

Die meisten Menschen hören nicht mit der Absicht zu, zu verstehen. Sie hören mit der Absicht, zu antworten.

sinngemäß nach Stephen R. Covey, Die 7 Wege zur Effektivität

So trainieren Sie aktives Zuhören

Aktives Zuhören ist kein Talent, sondern eine Fertigkeit. Drei Gewohnheiten trainieren sie zuverlässig.

01

Die kurze Pause

Warten Sie nach dem letzten Wort Ihres Gegenübers einen Atemzug, bevor Sie antworten. Diese Pause holt Sie aus dem Antwortmodus zurück in den Verstehensmodus.

02

Das Paraphrasieren

Geben Sie in eigenen Worten wieder, was Sie verstanden haben. Das zwingt Ihr Gehirn, den Inhalt wirklich zu verarbeiten und zeigt dem anderen, dass Sie ihn gehört haben.

03

Die volle Präsenz

Legen Sie das Handy weg und wenden Sie sich körperlich zu. Blickkontakt und ein leichtes Nicken signalisieren dem Sprecher, dass Sie ganz bei ihm sind.

Scheinbar zuhören oder wirklich zuhören

Scheinbar zuhören
Wirklich zuhören
Während der andere spricht
die eigene Antwort vorbereiten
dem Gedanken bis zum Ende folgen
Auf ein Gefühl
schnell einen Rat geben
das Gefühl zuerst benennen
Nach der Aussage
sofort das eigene Thema setzen
kurz nachfragen und paraphrasieren
Zum Ausprobieren

Die Paraphrase-Übung

Schreiben Sie in einem Satz, was Ihr Gegenüber gerade gesagt hat. Aktives Zuhören bedeutet, es in eigenen Worten zurückzugeben.

Aktives Zuhören zu verstehen ist der leichte Teil. Es im echten Gespräch zu halten, wenn Sie unter Druck stehen und alles in Ihnen antworten will, ist eine Fertigkeit. Genau daran arbeiten wir im Coaching, an Ihren echten Gesprächen und nicht an der Theorie.

Zuhören ist der Anfang jeder echten Verbindung

In einem vertraulichen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, wo Ihre Kommunikation schon trägt und wo bewusstes Zuhören Ihre Wirkung verändert.

Häufig gestellte Fragen

Was unterscheidet aktives Zuhören vom normalen Zuhören?

Beim normalen Zuhören nehmen Sie Wörter auf. Beim aktiven Zuhören denken Sie mit, fassen zusammen und fragen nach. Ihr Gegenüber spürt diesen Unterschied sofort, denn aktives Zuhören erzeugt das Gefühl, wirklich verstanden zu werden.

Macht Zuhören wirklich müde?

Ja. Aufmerksames Zuhören ist konzentrierte Denkarbeit, bei der Ihr Gehirn Sprache zerlegt, mit Wissen abgleicht und den nächsten Gedanken vorwegnimmt. Deshalb ist echtes Zuhören über längere Zeit anstrengend und nicht das entspannte Nichtstun, als das es oft erscheint.

Wie zeige ich, dass ich zuhöre, ohne zu unterbrechen?

Am wirkungsvollsten ist das Paraphrasieren nach einer kurzen Denkpause. Geben Sie in eigenen Worten wieder, was Sie verstanden haben. Kurze Rückfragen, Blickkontakt und ein leichtes Nicken bestätigen den Sprecher, ohne ihm das Wort zu nehmen.

Kann man aktives Zuhören wirklich lernen?

Ja, es ist eine trainierbare Fertigkeit. Drei Gewohnheiten genügen für den Anfang: eine kurze Pause vor der Antwort, das Paraphrasieren des Gehörten und die volle Präsenz ohne Ablenkung. Je öfter Sie diese Muster nutzen, desto selbstverständlicher werden sie.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.Stephens, G. J., Silbert, L. J., Hasson, U. (2010). Speaker-listener neural coupling underlies successful communication. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(32), 14425 bis 14430.
  2. 2.Hasson, U., Ghazanfar, A. A., Galantucci, B., Garrod, S., Keysers, C. (2012). Brain-to-brain coupling: A mechanism for creating and sharing a social world. Trends in Cognitive Sciences, 16(2), 114 bis 121.
  3. 3.Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H., Way, B. M. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421 bis 428.
  4. 4.Zenger, J., Folkman, J. (2016). What Great Listeners Actually Do. Harvard Business Review, 14. Juli 2016.

Weiter in der Reihe

Vertiefen in der Akademie

Zuhören als Führungskompetenz