Dialogue Edition · KONFLIKT

Konfliktkommunikation: Wie Sie das Angstgehirn Ihres Gegenübers beruhigen

Warum Argumente in einem erregten Gehirn nicht ankommen und wie Sie mit vier einfachen Werkzeugen deeskalieren.

Dennis Tefett6 Minuten Lesezeit
Zwei Menschen in einem angespannten Gespräch, einer bleibt ruhig und zugewandt, warmes Kupfer- und Sage-Licht

Der Moment, in dem Ihr Gegenüber laut wird, fühlt sich an wie der Beginn einer Niederlage. Ist er aber nicht. Er ist der Moment, in dem Ihre wichtigste Fähigkeit gefragt ist. Nicht das bessere Argument, sondern die Ruhe, ein erregtes Gehirn zuerst zu beruhigen.

Das Angstgehirn übernimmt

Wenn ein Mensch sich bedroht fühlt, ob durch Kritik, Zeitdruck oder das Gefühl, nicht gehört zu werden, schaltet sein Gehirn in einen älteren Modus. Der Psychologe und Sachbuchautor Daniel Goleman prägte 1995 dafür das eingängige Bild vom Amygdala-Hijack, der Entführung durch die Amygdala.

Dieses Bild ist eine populäre Vereinfachung, kein neurobiologisches Gesetz. Doch sein Kern trifft zu. Unter starker Erregung tritt die emotionale Bewertung in den Vordergrund und der besonnene, abwägende Teil des Gehirns verliert an Einfluss. Genau deshalb prallt in diesem Zustand jedes Sachargument ab.

Abstrakte Darstellung eines aufflammenden Gehirns in warmem Kupfer- und Rostton, Sinnbild für emotionale Erregung
Unter Bedrohung übernimmt die emotionale Bewertung, der besonnene Teil tritt zurück.
Infografik
Infografik: Das Angstgehirn abkühlen. Auf den Alarm der Amygdala folgt eine Pause von etwa sechs Sekunden, dann kehrt die Ruhe und der Verstand zurück. Sechs Sekunden entscheiden über die Reaktion.
Das Angstgehirn abkühlen: sechs Sekunden entscheiden über die Reaktion.

Warum das Benennen beruhigt

Es gibt eine schlichte Technik, die zuverlässiger deeskaliert als jede kluge Erwiderung: das Benennen des Gefühls. In der Forschung heißt sie affect labeling. Matthew Lieberman und sein Team zeigten 2007 in Psychological Science, dass das In-Worte-Fassen eines Gefühls mit geringerer Aktivität der Amygdala und stärkerer Aktivität im präfrontalen Cortex einhergeht.

Sprache und rohe Emotion teilen sich also Ressourcen. Sobald Sie einem Gefühl einen Namen geben, verliert es an Wucht. Der Emotionsforscher James Gross ordnet dieses Benennen 2015 in Psychological Inquiry in einen größeren Rahmen ein. Wir sind unseren Gefühlen nicht ausgeliefert, wir können sie über Aufmerksamkeit und Sprache regulieren.

Praktisch heißt das, Sie sagen einfach, was Sie sehen. Das klingt, als würde Sie das gerade sehr belasten. Es scheint Sie zu ärgern, dass niemand nachgefragt hat. Keine Bewertung, keine Lösung, nur die Benennung dessen, was sichtbar ist.

Zwei Profile, zwischen denen sich ein aufgeladenes Muster in ein ruhiges Sage-Kupfer-Licht wandelt, Sinnbild für Deeskalation durch Sprache
Ein Gefühl in Worte zu fassen nimmt ihm seine Wucht.

Warum ein Konflikt wirklich wehtut

Warum trifft uns ein Streit oft so hart, obwohl kein Schlag fällt? Naomi Eisenberger, Matthew Lieberman und Kipling Williams fanden 2003 in Science einen Hinweis. Bei sozialer Zurückweisung ist unter anderem der dorsale anteriore cinguläre Cortex beteiligt, eine Region, die auch bei körperlichem Schmerz eine Rolle spielt.

Sozialer Schmerz ist dem körperlichen also nicht gleich, aber er ist ihm verwandt. Für Ihr Gespräch heißt das, Ihr Gegenüber leidet gerade wirklich, auf seine Weise. Wer das ernst nimmt statt es kleinzureden, nimmt der Situation viel von ihrer Schärfe.

Drei Phasen, die jeder Konflikt durchläuft

Ein hitziges Gespräch verläuft selten sprunghaft. Es bewegt sich in einer Reihenfolge, die Sie kennen und begleiten können.

01

Der Kampfmodus

Die Erregung ist hoch, die Bedrohung steht im Vordergrund. Ihr Gegenüber kann jetzt nicht zuhören, nicht abwägen, nicht kooperieren. Ihre Aufgabe ist nicht zu überzeugen, sondern zu benennen. Sagen Sie, welches Gefühl Sie wahrnehmen, dann werden Sie still.

02

Die Regulierung

Das Benennen wirkt. Die Erregung beginnt zu sinken und der besonnene Teil des Gehirns kommt langsam zurück. Ihre Aufgabe ist jetzt, nichts zu tun, was die Bedrohung neu befeuert. Nicht rechtfertigen, nicht belehren, den Moment aushalten.

03

Der Denkmodus

Erst wenn Ihr Gegenüber wieder abwägen kann, wird das Sachliche möglich. Jetzt ist der Augenblick für offene, kalibrierte Fragen, die zur Lösung führen statt zum nächsten Vorwurf.

Bevor ich einen Menschen überzeugen kann, muss er das Gefühl haben, verstanden zu werden. Die Angst des anderen zu benennen nimmt ihr die Macht.

sinngemäß nach Chris Voss, Never Split the Difference

Ihr Toolkit für das schwierige Gespräch

Vier Werkzeuge, die Sie in fast jedem Konflikt einsetzen können, in genau dieser Reihenfolge.

01

Labeling

Benennen Sie das Gefühl, das Sie sehen, ohne es zu bewerten. Ein Satz wie Es scheint Sie zu ärgern, dass es so kurzfristig kam zeigt dem Gegenüber, dass es gehört wird. Genau das senkt die Erregung.

02

Spiegeln

Wiederholen Sie die letzten Worte Ihres Gegenübers als leise Frage. Sagt es Das ist einfach unfair, antworten Sie nur Unfair? Meist erzählt der andere von selbst weiter und offenbart den eigentlichen Kern.

03

Taktische Pause

Nach dem Benennen oder Spiegeln lassen Sie Stille zu. Ein paar Atemzüge, in denen Sie nichts sagen, geben dem Gehirn Ihres Gegenübers die Zeit, die es zum Herunterfahren braucht.

04

Kalibrierte Fragen

Stellen Sie offene Fragen, die mit Wie oder Was beginnen. Wie soll ich das Ihrer Meinung nach lösen? gibt dem anderen ein Gefühl von Kontrolle und lenkt vom Vorwurf zur Lösung. Meiden Sie Warum-Fragen, sie klingen wie ein Verhör.

Infografik
Infografik: Kalibrierte Fragen nach Chris Voss. Statt Warum, das zur Verteidigung führt, öffnen Fragen mit Was und Wie das Gespräch.
Kalibrierte Fragen: Was und Wie öffnen, Warum lässt verteidigen.

Was eskaliert, was deeskaliert

Eskaliert
Deeskaliert
Wenn die Emotion hochkocht
sofort mit Argumenten kontern
das Gefühl benennen und schweigen
Auf einen Vorwurf
sich rechtfertigen und erklären
die letzten Worte spiegeln und nachfragen
Auf dem Weg zur Lösung
Ratschläge geben im Ton von Sie sollten
kalibriert fragen, wie wir das gemeinsam lösen
Zum Ausprobieren

Deeskalieren mit kalibrierten Fragen

Ein erregtes Gehirn erreicht man nicht mit Argumenten. Benennen Sie erst das Gefühl, dann öffnen Sie mit einer Wie- oder Was-Frage.

Diese Werkzeuge zu kennen ist das eine. Sie zu halten, wenn Ihr eigener Puls steigt und alles in Ihnen zurückschlagen will, ist das andere. Genau diese Souveränität im Ernstfall üben wir im Coaching an Ihren echten Konflikten, nicht an Rollenspielen aus dem Lehrbuch.

Ruhig bleiben, wenn es zählt

In einem vertraulichen Erstgespräch schauen wir, in welchen Situationen Sie die Fassung verlieren und wie Sie dort künftig deeskalieren statt mitzueskalieren.

Häufig gestellte Fragen

Was mache ich, wenn das Benennen des Gefühls den anderen erst recht wütend macht?

Dann haben Sie meist das falsche Gefühl benannt oder zu früh gedeutet. Bleiben Sie vorsichtig und offen. Ein Es scheint Sie zu beschäftigen lässt Ihrem Gegenüber Raum, Sie zu korrigieren. Gerade diese Korrektur ist schon ein Schritt aus dem Kampfmodus heraus.

Ist Labeling nicht manipulativ?

Manipulation will täuschen, Labeling will verstehen. Sie benennen aufrichtig, was Sie wahrnehmen, ohne es zu bewerten. Ihr Gegenüber darf jederzeit widersprechen. Ehrliches Interesse spürt ein Gehirn, eine aufgesetzte Technik ebenso.

Wie lange muss ich die Pause halten?

Länger als Ihnen lieb ist und kürzer als Sie fürchten. Eine feste Sekundenzahl gibt es nicht. Achten Sie auf Ihr Gegenüber. Sobald die Stimme leiser wird und die Schultern sinken, ist die Erregung gefallen und Sie können sachlich weitermachen.

Funktioniert das auch in schriftlichen Konflikten, etwa per Mail?

Teilweise. Der Grundgedanke trägt auch schriftlich. Erst das Gefühl anerkennen, dann zur Sache kommen. Seine volle Kraft entfaltet Deeskalation aber im direkten Gespräch, wo Stimme, Pause und Blick mitwirken. Bei stark aufgeladenen Themen ist ein Telefonat oder Treffen fast immer besser als eine weitere Mail.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.Goleman, D. (1995). Emotional Intelligence: Why It Can Matter More Than IQ (prägte das populäre Bild vom Amygdala-Hijack). Bantam Books.
  2. 2.Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H., Way, B. M. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421 bis 428.
  3. 3.Gross, J. J. (2015). Emotion regulation: Current status and future prospects. Psychological Inquiry, 26(1), 1 bis 26.
  4. 4.Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., Williams, K. D. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290 bis 292.
  5. 5.Voss, C. (2016). Never Split the Difference: Negotiating as if Your Life Depended on It. Harper Business.

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