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Dennis Tefett · Psychologie, Erziehungs- & Sozialwissenschaften (M.Ed.) | Gesundheitsmanager (B.A.)

Führung & Wirkung

Die Neurowissenschaft der Wahlfreiheit

Illustration: Ein Abteilungsleiter streicht einen fertigen Plan glatt und blickt irritiert auf, sein Gegenüber hat den Stift abgelegt.
Podcast · 23:18

Podcastfolge zu diesem Beitrag, gesprochen von Dennis Tefett

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Plakat: Zwei Spalten vergleichen vorgegebenen und selbst gewählten Weg. Aufgabe und Aussicht sind gleich, nur das Belohnungssystem verhält sich unterschiedlich.
Grundlagen

Zwei Wege, dasselbe Ziel

Eine Führungskraft kann ihrem Team sagen, wie etwas zu tun ist. Oder sie kann es wählen lassen. Das Ergebnis mag identisch aussehen. Im Gehirn der Beteiligten ist es das nicht.

Stellen Sie sich zwei Abteilungen vor, die dieselbe Aufgabe bekommen, dieselbe Frist haben und dieselben Mittel. In der einen legt die Leitung den Weg fest, sorgfältig durchdacht und gut begründet. In der anderen legt die Leitung das Ziel fest und lässt das Team den Weg bestimmen. Nach außen ist der Unterschied eine Frage des Führungsstils, vielleicht eine Geschmacksfrage.

Im Gehirn ist es keine Geschmacksfrage. Es ist ein messbarer Unterschied, und er lässt sich bis in einzelne Hirnregionen verfolgen. Die Forschung dazu ist inzwischen erstaunlich klar, sie wird in der Führungspraxis aber selten zu Ende gedacht.

Der Befund

Das Gehirn belohnt die Wahl, nicht erst das Ergebnis

Lauren Leotti und Mauricio Delgado untersuchten 2011, was passiert, bevor überhaupt etwas gewählt wurde. Der Befund überrascht bis heute.

Die beiden Forscher legten ihren Probanden im Hirnscanner eine schlichte Aufgabe vor. In einem Durchgang durften die Teilnehmer selbst wählen, welche von zwei Tasten zu einer späteren Belohnung führen könnte. Im anderen Durchgang wurde ihnen die Taste vorgegeben. Die Belohnungswahrscheinlichkeit war in beiden Fällen gleich. Es ging also nicht darum, ob sich die Wahl auszahlte.

Das Ergebnis: Bereits die bloße Aussicht, gleich selbst wählen zu dürfen, aktivierte das ventrale Striatum, eine zentrale Struktur des Belohnungssystems. Dieselbe Region, die auf Geld, gutes Essen und soziale Anerkennung reagiert, sprang an, bevor irgendetwas gewonnen war. Nicht die Belohnung erzeugte die Aktivierung, sondern die Wahl selbst.

Übersetzt in den Führungsalltag heißt das: Wahlfreiheit ist kein weiches Extra, das man Menschen gönnt, wenn gerade Zeit ist. Sie ist für das Gehirn ein Wert an sich. Wer einem Team die Wahl nimmt, nimmt ihm nicht nur Einfluss. Er nimmt ihm eine Quelle von Motivation, die er mit keinem Bonus ersetzen kann.

„Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Er ist selbst die Freiheit.“

— Jean-Paul Sartre

Plakat: Drei gleiche Säulen für Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit tragen einen Balken Innere Motivation. Daneben eine kleine Skizze mit nur zwei Säulen, der Balken kippt.
Das Modell

Drei Säulen tragen die Motivation

Edward Deci und Richard Ryan haben über Jahrzehnte eines der am besten belegten Motivationsmodelle der Psychologie entwickelt. Es kennt genau drei Grundbedürfnisse.

Die Selbstbestimmungstheorie, im Englischen Self-Determination Theory, geht von einer einfachen Annahme aus: Menschen sind von Natur aus motiviert. Sie müssen nicht angetrieben werden, sie müssen nur nicht gebremst werden. Damit diese eingebaute Motivation trägt, brauchen sie drei Dinge, und keines davon lässt sich durch die anderen ersetzen.

Das ist der Grund, warum die drei Säulen auf der Abbildung exakt gleich hoch sind. Es gibt keine Rangfolge. Ein Team mit hoher Kompetenz und guter Verbundenheit, dem aber jede Autonomie fehlt, wird nicht zu zwei Dritteln motiviert sein. Das Dach kippt.

Autonomie

Das Erleben, Urheber des eigenen Handelns zu sein. Nicht Unabhängigkeit von anderen, sondern die Erfahrung, dass das eigene Tun aus einem selbst kommt und nicht aus einer Vorschrift.

Kompetenz

Das Erleben von Wirksamkeit. Menschen wollen nicht nur leisten, sie wollen spüren, dass ihre Leistung etwas bewirkt. Wer nie sieht, was aus seiner Arbeit wird, verliert diesen Antrieb.

Verbundenheit

Das Erleben von Zugehörigkeit. Leistung ohne soziale Einbettung ist nicht nachhaltig. Wer sich im Team nicht gemeint fühlt, hält auch bei guter Bezahlung nicht dauerhaft durch.

Ein häufiges Missverständnis

Autonomie wird oft mit Alleinlassen verwechselt. Das ist sie ausdrücklich nicht. Ein Team ohne Rahmen erlebt keine Autonomie, sondern Orientierungslosigkeit, und die erzeugt Stress statt Motivation. Autonomie im Sinne von Deci und Ryan bedeutet, innerhalb eines klaren Rahmens echte Entscheidungen treffen zu dürfen. Der Rahmen ist nicht der Gegner der Freiheit. Er ist ihre Voraussetzung.

Plakat: Ein schematisches Balkendiagramm zeigt vier Hierarchiestufen von oben nach unten, das Erkrankungsrisiko steigt treppenförmig an, während ein Pfeil darunter weniger Einfluss anzeigt.
Die Gesundheit

Warum Einfluss vor Herzinfarkt schützt

Die Whitehall-Studien haben eine der zählebigsten Annahmen über Stress im Berufsleben widerlegt. Ihr Befund gehört zu den wichtigsten der Arbeitsmedizin.

Die Ausgangsfrage klang harmlos. Michael Marmot und sein Team untersuchten ab 1985 mehr als zehntausend britische Beamte über viele Jahre hinweg. Alle arbeiteten in derselben Organisation, alle hatten Zugang zum selben Gesundheitssystem, alle waren in sicheren Anstellungen. Der einzige große Unterschied lag in der Hierarchiestufe.

Die verbreitete Erwartung lautete: Oben wird der Stress am größten sein. Die Führungskräfte, mit der ganzen Verantwortung auf den Schultern, müssten die meisten Herzerkrankungen haben. Der Manager-Herzinfarkt war damals ein feststehender Begriff.

Das Gegenteil war der Fall. Je niedriger die Position, desto höher das Erkrankungs- und Sterberisiko, und zwar in einem klaren Stufengang über alle Ränge hinweg. Als die Forscher suchten, was diesen Gradienten erklärt, stießen sie auf einen Faktor, der immer wieder heraussticht: den Entscheidungsspielraum. Wer im eigenen Arbeitsalltag wenig zu bestimmen hat, erkrankt messbar häufiger.

Das ist die Aussage der Abbildung: Beide Wolken sind exakt gleich groß. Die Belastung ist dieselbe. Was sich unterscheidet, ist der Einfluss auf sie. Nicht die Last macht krank, sondern die Ohnmacht ihr gegenüber.

10.000+
britische Beamte in der Whitehall-II-Kohorte
1985
Beginn der Erhebung, Nachbeobachtung über Jahrzehnte
3
Grundbedürfnisse der Selbstbestimmungstheorie, gleichrangig

Was das für Führung bedeutet

Spielraum zu geben ist damit keine Frage des Führungsgeschmacks mehr. Es ist eine Frage der Fürsorgepflicht. Wenn geringer Entscheidungsspielraum das Erkrankungsrisiko messbar erhöht, dann ist die Verteilung von Einfluss in Ihrer Organisation eine Gesundheitsfrage. Das gilt besonders für die Stellen, an denen die Belastung ohnehin hoch ist und der Einfluss gering. Genau dort entsteht der Schaden.

Plakat: Ein schematisches Liniendiagramm zeigt zwei zunächst deckungsgleiche Linien, die sich an einer mit Rückschlag beschrifteten Marke trennen. Das selbst gewählte Ziel bleibt oben, das übernommene fällt ab.
Die Dauer

Warum eigene Ziele Rückschläge überstehen

Kennon Sheldon und Andrew Elliot fanden 1999 heraus, woran es liegt, dass manche Ziele durchgehalten werden und andere im ersten Gegenwind sterben.

Ihr Begriff dafür ist die Selbstkonkordanz. Gemeint ist der Grad, in dem ein Ziel zu den eigenen Interessen und Werten passt, statt von außen übernommen worden zu sein. Zwei Menschen können exakt dasselbe Ziel verfolgen, und für den einen ist es selbstkonkordant, für den anderen nicht.

Der entscheidende Befund liegt nicht am Anfang, sondern nach dem ersten Hindernis. Beide Gruppen starten mit ähnlichem Elan. Wer ein Ziel aber nur übernommen hat, investiert bei Gegenwind weniger anhaltende Anstrengung, erreicht das Ziel seltener und profitiert selbst dann weniger davon, wenn er es erreicht. Wer es selbst gewählt hat, bleibt dran.

Deshalb geht die Schere in der Abbildung genau am Rückschlag auf. Solange alles glatt läuft, sehen verordnete und gewählte Ziele gleich aus. Der Unterschied wird erst sichtbar, wenn es unbequem wird. Und Führung wird ja erst dann interessant, wenn es unbequem wird.

Das Ziel setzen, den Weg abgeben

Sie müssen Ziele nicht demokratisieren, um Autonomie zu erzeugen. In den meisten Fällen genügt es, das Was zu setzen und das Wie freizugeben. Damit bleibt Ihr Rahmen erhalten und die Wahl entsteht dort, wo sie am meisten wirkt.

Ziele gemeinsam formulieren statt verkünden

Wo ein Ziel ohnehin feststeht, lassen Sie das Team formulieren, was es für sich selbst bedeutet. Diese Übersetzung ist der Schritt, an dem aus einem auferlegten ein selbstkonkordantes Ziel werden kann.

Wirksamkeit sichtbar machen

Kompetenz ist ein Erleben, kein Zeugnis. Sorgen Sie dafür, dass Menschen sehen, was aus ihrer Arbeit geworden ist. Wer nie das Ergebnis kennt, verliert die zweite Säule, egal wie gut er ist.

Den Spielraum dort prüfen, wo der Druck am größten ist

Gehen Sie Ihre Organisation gedanklich durch und suchen Sie die Stellen mit hoher Belastung und geringem Einfluss. Das sind die Positionen, an denen die Whitehall-Befunde zuschlagen. Dort ist jede Erweiterung des Spielraums doppelt wirksam.

Kernimpuls

Wahlfreiheit ist für das Gehirn kein Komfort, sondern ein Nährstoff. Sie aktiviert das Belohnungssystem, bevor irgendein Ergebnis vorliegt. Sie trägt eine der drei Säulen, ohne die Motivation nicht steht. Und sie schützt nachweislich die Gesundheit derer, die unter Druck arbeiten. Wenn Sie in Ihrer Führung nur eine Sache verändern wollen, dann geben Sie Ihrem Team echte Entscheidungen. Nicht die Wahl zwischen zwei Sitzordnungen, sondern Entscheidungen, die etwas kosten, wenn sie falsch ausgehen.

Illustration: Ein Abteilungsleiter hat den fertigen Plan über den Tisch geschoben und beide Hände davon genommen, er lehnt sich zurück und hört zu, während die Hand des Gegenübers den Stift wieder aufgenommen hat.
Das Ziel setzen und den Weg abgeben: So entsteht Wahl an der Stelle, an der sie am meisten wirkt.
Reflexion

Reflexionsimpulse

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und beantworten Sie die folgenden Fragen ehrlich für sich selbst.

Welche echte Entscheidung hat mein Team in den letzten vier Wochen selbst getroffen?
Wo in meinem Verantwortungsbereich ist die Belastung hoch und der Entscheidungsspielraum gering?
Welche unserer Ziele hat mein Team wirklich gewählt und welche hat es nur übernommen?
Sehen die Menschen in meinem Team, was aus ihrer Arbeit wird? Oder verschwindet sie nach oben?
Wann habe ich zuletzt einen Weg vorgegeben, obwohl mir eigentlich nur das Ziel wichtig war?
Weiterlesen

Der Autonomie-Cluster

Dieser Impuls ist der zweite Teil einer dreiteiligen Reihe über Freiheit, Wahl und Motivation.

Wenn Sie wissen möchten, was auf der anderen Seite passiert, also was Druck im Gehirn auslöst und warum eine gut gemeinte Anweisung als Bumerang zurückkommt, dann lesen Sie Warum Druck Widerstand erzeugt.

Und wenn dieser Impuls Sie zu dem Schluss verführt hat, dass mehr Auswahl immer besser sei, dann ist der dritte Teil das notwendige Gegengift. Er handelt von der Grenze der Wahlfreiheit, von der Beteiligung und von einer berühmten Studie, die vermutlich falsch ist: Die richtige Menge Freiheit.

Leotti & Delgado 2011

Psychological Science. Bereits die Aussicht auf eine eigene Wahl aktiviert das ventrale Striatum, eine Kernstruktur des Belohnungssystems, unabhängig vom Ergebnis.

Deci & Ryan

Selbstbestimmungstheorie. Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit sind drei gleichrangige Grundbedürfnisse. Fehlt eines, trägt die intrinsische Motivation nicht.

Marmot et al., Whitehall

Britische Beamten-Kohorten. Je geringer die Position und der Entscheidungsspielraum, desto höher das Erkrankungsrisiko. Der Manager-Herzinfarkt ist ein Mythos.

Sheldon & Elliot 1999

Selbstkonkordanz-Modell. Selbst gewählte Ziele werden mit anhaltenderer Anstrengung verfolgt und überstehen Rückschläge deutlich besser als übernommene.

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A.R.

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Managing Director, Finanzbranche

Team-Fluktuation von 35% auf 8% gesenkt

1 von 8

Vom Wissen zur Wirkung

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Dennis Tefett, Executive Coach

Dennis Tefett

Psychologie, Erziehungs- & Sozialwissenschaften (M.Ed.) | Gesundheitsmanager (B.A.)

Ich schreibe diese Impulse aus der Praxis. Wer ein Thema tiefer bearbeiten möchte, findet dafür Seminare und Kurse.

Veröffentlicht am

Quellen und weiterführende Lektüre

7 Belege

Jede Angabe wurde einzeln gegen die Originalquelle geprüft.

  1. Leotti, L. A., and Delgado, M. R. (2011). The inherent reward of choice. Psychological Science, 22(10), 1310-1318.

  2. Deci, E. L., and Ryan, R. M. (2000). The what and why of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227-268.

  3. Marmot, M. G., Stansfeld, S., Patel, C., North, F., Head, J., White, I., Brunner, E., and Feeney, A. (1991). Health inequalities among British civil servants: the Whitehall II study. The Lancet, 337(8754), 1387-1393.

  4. Sheldon, K. M., and Elliot, A. J. (1999). Goal striving, need satisfaction, and longitudinal well-being: The self-concordance model. Journal of Personality and Social Psychology, 76(3), 482-497.

  5. Iyengar, S. S., and Lepper, M. R. (2000). When choice is demotivating: Can one desire too much of a good thing? Journal of Personality and Social Psychology, 79(6), 995-1006.

  6. Gegenposition zur Auswahlüberlastung: Scheibehenne, B., Greifeneder, R., and Todd, P. M. (2010). Can there ever be too many options? A meta-analytic review of choice overload. Journal of Consumer Research, 37(3), 409-425. Über rund fünfzig Studien hinweg liegt der mittlere Effekt praktisch bei null, der Befund von Iyengar und Lepper liess sich also nicht verallgemeinern.

  7. Einordnung der Gegenposition: Chernev, A., Böckenholt, U., and Goodman, J. (2015). Choice overload: A conceptual review and meta-analysis. Journal of Consumer Psychology, 25(2), 333-358. Auswahl überfordert nur unter bestimmten Bedingungen, nicht durch die Anzahl allein.

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