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Dennis Tefett · Psychologie, Erziehungs- & Sozialwissenschaften (M.Ed.) | Gesundheitsmanager (B.A.)

Strategische Klarheit

Die richtige Menge Freiheit

Illustration: Ein Abteilungsleiter beugt sich über die Schulter eines Mitarbeiters und zeigt auf den Bildschirm, der Mitarbeiter hat die Hände von der Tastatur genommen.
Podcast · 21:40

Podcastfolge zu diesem Beitrag, gesprochen von Dennis Tefett

Warum reagiere ich so, wie ich reagiere?

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Vergleich: links ein Stand mit 24 und einer mit 6 Sorten und mehr Käufen beim kleinen, rechts eine Achse um den Nullpunkt mit gestreuten Studienpunkten und einem Mittelwert bei null.
Grundlagen

Die berühmteste Studie über Auswahl, und warum sie vermutlich falsch ist

Dieser Impuls beginnt mit einem Eingeständnis. Die Geschichte, die Sie gleich lesen, steht in tausend Präsentationen. Sie ist wunderbar erzählt. Und sie hat die Überprüfung nicht überstanden.

Im Jahr 2000 veröffentlichten Sheena Iyengar und Mark Lepper eine Untersuchung, die zu den meistzitierten der Konsumpsychologie wurde. In einem kalifornischen Feinkostladen bauten sie einen Verkostungsstand auf. An manchen Tagen standen dort vierundzwanzig Sorten Marmelade, an anderen nur sechs.

Der große Stand zog mehr Menschen an. Das war erwartbar. Der Befund, der berühmt wurde, kam an der Kasse. Von denen, die den großen Stand besucht hatten, kauften rund drei Prozent tatsächlich ein Glas. Beim kleinen Stand waren es rund dreißig Prozent. Zehnmal so viele, bei einem Viertel der Auswahl. Merken Sie sich diese beiden Werte mit einem Vorbehalt. Sie stammen aus einem einzigen Feldversuch an einem einzigen Stand. Wie es ihnen erging, als andere nachmaßen, steht im nächsten Abschnitt.

Die Deutung lag auf der Hand und wurde zur Managementweisheit: Zu viel Auswahl lähmt. Choice Overload. Weniger ist mehr. Seitdem wird die Marmeladenstudie überall dort zitiert, wo jemand ein Sortiment kürzen, eine Speisekarte straffen oder ein Meeting entschlacken will.

Der Bruch

Was passierte, als andere nachmessen wollten

Ein Befund gilt in der Wissenschaft erst dann als belastbar, wenn er sich wiederholen lässt. Genau daran scheiterte das Marmeladen-Paradox.

Im Jahr 2010 nahmen sich Benjamin Scheibehenne, Rainer Greifeneder und Peter Todd die gesamte Forschungslage vor. Sie werteten rund fünfzig Studien zum Choice Overload in einer Meta-Analyse aus, also in einer statistischen Gesamtschau, die Einzelergebnisse zu einem Gesamtbild verrechnet.

Das Ergebnis war ernüchternd. Über alle Studien hinweg lag der mittlere Effekt praktisch bei null. Manche Untersuchungen fanden den Lähmungseffekt, andere fanden das Gegenteil, viele fanden gar nichts. Die Marmeladenstudie war kein Naturgesetz. Sie war ein Ergebnis unter vielen, das durch seine gute Erzählbarkeit überlebt hat.

Warum erzähle ich sie dann? Weil der Irrtum lehrreicher ist als der Befund. Die Marmeladenstudie zeigt, wie eine Zahl zur Wahrheit wird: nicht durch ihre Belastbarkeit, sondern durch ihre Anschaulichkeit. Sechs Gläser, vierundzwanzig Gläser, ein Prozentsprung. Das kann sich jeder merken. Eine Meta-Analyse mit einem mittleren Effekt nahe null kann sich niemand merken. Also gewinnt die Geschichte, und zwar in Ihrem Kopf genauso wie in meinem.

Die eigentliche Lehre

Prüfen Sie bei jeder eindrucksvollen Zahl, die Ihnen in einer Präsentation begegnet, ob Sie sie glauben, weil sie belegt ist, oder weil sie sich gut anfühlt. Das gilt auch für die Zahlen, mit denen Sie selbst argumentieren. Wer sich auf einen brüchigen Befund stützt, verliert nicht nur diesen Punkt, sondern seine gesamte Glaubwürdigkeit in dem Moment, in dem jemand im Raum die Studienlage kennt.

2000
Iyengar und Lepper veröffentlichen die Marmeladenstudie
~ 50
Studien in der Meta-Analyse von Scheibehenne et al. 2010
~ 0
mittlerer Effekt des Choice Overload über alle Studien
Was bleibt

Die Erfahrung stimmt, die Erklärung war zu einfach

Dass der pauschale Lähmungseffekt nicht existiert, heißt nicht, dass Auswahl nie überfordert. Es heißt, dass es auf die Bedingungen ankommt.

Jede Führungskraft kennt das Gefühl, vor zehn offenen Optionen zu sitzen und keine davon zu ergreifen. Diese Erfahrung ist echt. Was die Meta-Analyse von Scheibehenne, Greifeneder und Todd zeigt, ist lediglich: Sie entsteht nicht automatisch durch die Anzahl. Sie entsteht, wenn bestimmte Bedingungen zusammenkommen.

Welche das sind, hat eine zweite Meta-Analyse herausgearbeitet. Alexander Chernev, Ulf Böckenholt und Joseph Goodman werteten 2015 im Journal of Consumer Psychology 99 Beobachtungen mit zusammen 7.202 Personen aus und fanden vier Bedingungen, unter denen große Auswahl tatsächlich lähmt: wenn die Entscheidungsaufgabe schwer ist, wenn das Angebot unübersichtlich zusammengesetzt ist, wenn die entscheidende Person noch keine feste Vorliebe hat und wenn ihr Ziel vor allem darin besteht, den eigenen Aufwand klein zu halten. Sind diese Bedingungen erfüllt, ist der Effekt deutlich. Fehlen sie, verschwindet er. Genau deshalb ist niemand von einem Buchladen gelähmt.

Für Führung ist das die brauchbarere Regel. Sie müssen die Optionen nicht zählen. Sie müssen sie vergleichbar machen. Zwei gute Wege mit klar benanntem Unterschied sind besser als zehn halbe, nicht weil zehn zu viele wären, sondern weil halbe Wege nicht vergleichbar sind.

Ablaufgrafik mit vier Kästchen für schwere Aufgabe, unklares Angebot, fehlende Vorliebe und wenig Aufwand, danach eine Gabelung in Auswahl lähmt oder Effekt verschwindet.
Die Beteiligung

Menschen tragen, was sie mitgebaut haben

Michael Norton, Daniel Mochon und Dan Ariely beschrieben 2012 einen Effekt, der besser belegt ist als das Marmeladen-Paradox und in der Führung mehr verändert.

Die Forscher ließen Probanden schlichte Dinge selbst zusammenbauen, IKEA-Boxen, Origami-Figuren, Lego-Modelle. Danach sollten sie schätzen, was ihr eigenes Werk wert sei, und was ein identisches Stück wert sei, das jemand anderes gebaut hatte. Das Ergebnis: Menschen bewerteten ihre eigenen, oft ziemlich schiefen Ergebnisse genauso hoch wie die Arbeiten von Fachleuten. Unbeteiligte Dritte schätzten dieselben Laienstücke dagegen deutlich niedriger ein. Ihre Origami-Frösche waren ihnen so viel wert wie die eines Experten.

Der Name blieb an der Möbelkette hängen: der IKEA-Effekt. Die Mühe, die wir in etwas stecken, wandert in unsere Bewertung des Ergebnisses. Wir lieben nicht, was gut ist. Wir lieben, was von uns ist.

Und jetzt kommt der Teil, der in den meisten Zitaten fehlt und der für Führung der wichtigste ist. Der Effekt verschwand, wenn die Teilnehmer ihre Aufgabe nicht zu Ende bringen konnten. Wer anfing zu bauen und abbrechen musste, entwickelte keine Bindung an das Ergebnis. Beteiligung erzeugt Wert nur dann, wenn sie zum Abschluss kommt.

Die Warnung für Führungskräfte

Damit ist die halbherzige Beteiligung entlarvt. Wer ein Team in einen Workshop schickt, Ideen sammeln lässt und die Ergebnisse dann versanden lässt, hat nicht ein bisschen Beteiligung erreicht. Er hat den IKEA-Effekt ins Gegenteil verkehrt. Eine abgebrochene Beteiligung ist schlechter als gar keine, weil sie zur investierten Mühe noch die Enttäuschung addiert. Beteiligen Sie also nur dort, wo Sie das Ergebnis auch wirklich tragen werden.

Vergleichbar machen

Nicht die Zahl der Optionen überfordert, sondern ihre Unvergleichbarkeit. Benennen Sie den entscheidenden Unterschied zwischen den Wegen, dann trägt Ihr Team auch fünf.

Ganze Wege statt halber

Zwei durchdachte Optionen schlagen zehn Andeutungen. Kuratieren heißt nicht weglassen, sondern die verbleibenden Wege so weit ausarbeiten, dass man sie wirklich wählen kann.

Beteiligung zu Ende führen

Der IKEA-Effekt entsteht erst mit dem Abschluss. Wer beteiligt und dann versanden lässt, erzeugt keinen Stolz, sondern Zynismus. Beteiligen Sie nur, wo Sie liefern werden.

Balkenvergleich: Erbauer bewerten ihr Stück so hoch wie Expertenarbeit, Unbeteiligte dasselbe Stück deutlich niedriger, ohne Abschluss verschwindet der Effekt. Oben ein gefalteter Papiervogel.
Illustration: Ein Abteilungsleiter hat sich aufgerichtet und die Hände zurückgenommen, sein Mitarbeiter hat die Hände wieder auf der Tastatur und arbeitet weiter.
Freiheit entsteht nicht daraus, dass Sie weniger sagen, sondern daraus, dass Sie die Hände wegnehmen und die Aufgabe zu Ende bringen lassen.
Die Haltung

Option statt Versprechen

Am Ende dieser Reihe steht kein Werkzeug, sondern eine Haltung. Sie ist zugleich das ehrlichste Angebot, das eine Führungskraft machen kann.

Fügen Sie zusammen, was in diesen drei Impulsen steht. Druck erzeugt Widerstand, weil Freiheit knapp wird. Wahl aktiviert das Belohnungssystem, noch bevor etwas gewonnen ist. Autonomie trägt die Motivation, Einfluss schützt sogar die Gesundheit. Selbst gewählte Ziele überstehen Rückschläge. Und Menschen tragen, was sie mitgebaut haben, sofern man sie es zu Ende bauen lässt.

Daraus folgt eine unbequeme Einsicht. Sie können Veränderung nicht garantieren. Niemand kann das. Der Satz, ich verspreche Ihnen Erfolg, ist deshalb immer rissig, egal wie überzeugend er vorgetragen wird. Er behauptet Verfügung über etwas, das einem anderen Menschen gehört: über dessen Entscheidung.

Was Sie stattdessen können, ist ein Weg zeigen. Sie können die Tür öffnen, die Optionen vergleichbar machen, den Rahmen halten und danebentreten. Das klingt nach weniger. Es ist mehr, denn es ist das Einzige, was überhaupt funktioniert. Und es hat einen Nebeneffekt, der oft übersehen wird: Es lässt Ihrem Gegenüber die Würde, aus eigener Kraft weiterzugehen.

„Du kannst einen Menschen nichts lehren. Du kannst ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“

— Galileo Galilei zugeschrieben

Die Zahlen prüfen, mit denen Sie führen

Nehmen Sie die drei Statistiken, die Sie regelmäßig zitieren, und suchen Sie nach der Replikationslage. Bei mindestens einer werden Sie überrascht sein. Eine Führungskraft, die ihre eigenen Belege prüft, gewinnt mehr Autorität als eine, die immer eine Zahl parat hat.

Wege ausarbeiten statt Optionen zählen

Bevor Sie Ihrem Team eine Auswahl geben, sorgen Sie dafür, dass jede Option wirklich gangbar ist und dass der Unterschied zwischen ihnen benennbar bleibt. Vergleichbarkeit schlägt Anzahl.

Beteiligung nur mit Zusage auf Abschluss

Fragen Sie sich vor jedem Beteiligungsformat: Werden Sie ich das Ergebnis tragen, auch wenn es mir nicht gefällt? Wenn die Antwort Nein lautet, entscheiden Sie lieber selbst und sagen Sie es offen. Das ist ehrlicher und billiger.

Das Versprechen durch das Angebot ersetzen

Streichen Sie aus Ihrer Sprache, was Sie nicht halten können. Nicht ich sorge dafür, dass Sie erfolgreich werden, sondern ich zeige Ihnen, was ich weiß, und Sie entscheiden, was Sie damit tun. Der zweite Satz hält, der erste nicht.

Kernimpuls

Freiheit ist kein Schalter, den man auf mehr stellt. Sie ist eine Dosierung. Zu wenig erzeugt Widerstand und macht auf Dauer krank. Zu viel und vor allem zu unklar erzeugt Stillstand. Die Aufgabe von Führung ist nicht, möglichst viel Freiheit zu verteilen, sondern die richtige Menge davon in eine Form zu bringen, in der Menschen sie tatsächlich nutzen können. Wenige echte Wege, ehrlich benannt, mit einer Entscheidung, die wirklich beim anderen liegt.

Reflexion

Reflexionsimpulse

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und beantworten Sie die folgenden Fragen ehrlich für sich selbst.

Welche Zahl zitiere ich regelmäßig, ohne die Studie dahinter je geprüft zu haben?
Wo habe ich meinem Team zuletzt zehn halbe Wege angeboten statt zwei ganzer?
Welches Beteiligungsformat der letzten Monate habe ich versanden lassen? Was hat das gekostet?
Welches Versprechen habe ich gegeben, dessen Erfüllung gar nicht in meiner Hand liegt?
Wo verwechsle ich Führung mit Verfügung über die Entscheidungen anderer Menschen?
Weiterlesen

Der Autonomie-Cluster

Dieser Impuls schließt eine dreiteilige Reihe ab. Die beiden anderen Teile liefern das Fundament.

Der erste Teil erklärt, warum eine gut gemeinte Anweisung als Bumerang zurückkommt und welcher Halbsatz die Abwehr entschärft: Warum Druck Widerstand erzeugt.

Der zweite Teil zeigt, was im Gehirn passiert, wenn Menschen wählen dürfen, und warum Entscheidungsspielraum messbar vor Erkrankung schützt: Die Neurowissenschaft der Wahlfreiheit.

Iyengar & Lepper 2000

Die Marmeladenstudie. 24 Sorten, 3 Prozent kauften. 6 Sorten, 30 Prozent kauften. Berühmt, anschaulich und in der Gesamtschau der Forschung nicht haltbar.

Scheibehenne et al. 2010

Meta-Analyse über rund 50 Studien zum Choice Overload. Der mittlere Effekt liegt praktisch bei null. Auswahl überfordert nur unter bestimmten Bedingungen.

Norton, Mochon & Ariely 2012

Der IKEA-Effekt. Selbst Gebautes wird von den Erbauern so hoch bewertet wie Expertenarbeit, von Unbeteiligten dagegen deutlich niedriger. Entscheidend: Der Effekt verschwindet, wenn die Aufgabe nicht zu Ende gebracht werden kann.

Die Synthese

Freiheit ist eine Dosierung, kein Schalter. Wenige echte Wege, ehrlich benannt, mit einer Entscheidung, die wirklich beim anderen liegt.

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Stimmen aus der Praxis22 Bewertungen
M.K.

“Ich kam als Geschäftsführer, der ständig reagiert hat. Nach 3 Monaten hatte ich ein System, das mir erlaubt, strategisch zu führen, ohne ständig auf Abruf zu sein.”

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“Die Kombination aus psychologischer Tiefe und unternehmerischem Verständnis ist einzigartig. Dennis versteht den Druck, unter dem wir stehen.”

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Dennis Tefett, Executive Coach

Dennis Tefett

Psychologie, Erziehungs- & Sozialwissenschaften (M.Ed.) | Gesundheitsmanager (B.A.)

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