Bevor du denkst · Staffel 3

Warum Wegdrücken teuer ist, auch für dein Gegenüber

Der Preis fällt nicht dort an, wo du ihn vermutest

Dennis Tefett7 Minuten Lesezeit
Zwei Menschen sitzen an einem Küchentisch. Das Gesicht des einen ist ruhig, im Brustraum leuchtet es. Zwischen beiden ist der Raum leer.

Er hält sein Gesicht ruhig, weil er sie nicht belasten will. Er meint es gut. Es ist trotzdem das Teuerste, was er an diesem Abend tut.

Der freundlichste Fehler, den es gibt

Küchentisch, halb acht. Sie erzählt von ihrem Tag und irgendwann sagt sie einen Satz, der ihn trifft. Nicht schlimm, nicht böse gemeint. Aber er sitzt.

Er entscheidet sich in weniger als einer Sekunde. Er lässt es sich nicht anmerken. Er nickt weiter, sein Gesicht bleibt freundlich, seine Stimme bleibt gleich.

Und er tut das nicht aus Feigheit. Er tut es, weil sie einen anstrengenden Tag hatte und weil er ihr nicht noch etwas draufsetzen will.

Das ist die häufigste Form von Zurückhalten, die es gibt, und sie ist fast immer freundlich gemeint. Deshalb ist es so unangenehm, was die Forschung dazu gefunden hat.

Infografik
Schaubild: zwei Personen im Gespräch. Bei der einen bleibt das Gesicht ruhig, bei der anderen steigt eine Kurve an, obwohl sie nichts bemerkt.
Gemessen wurde nicht der Kessel im Inneren. Gemessen wurde, was zwischen zwei Menschen verloren geht.

Was in Stanford wirklich gemessen wurde

Zwei Experimente, insgesamt 78 Paare. Frauen, die einander vorher nicht kannten, sahen gemeinsam einen belastenden Film und sprachen anschließend darüber. Bei jedem Paar bekam eine der beiden vorher eine Anweisung, die andere wusste von nichts.

Bei den Zuhörerinnen der zurückhaltenden Frauen stieg der Blutdruck stärker an als bei den Zuhörerinnen der Vergleichsgruppen. In beiden Versuchen.

Das ist der Befund, der überall zitiert wird, und er ist echt. Er ist auch schmaler, als seine Verbreitung vermuten lässt. Es waren ausschließlich Frauen, ausschließlich aus einer Universitätsumgebung und in einem der beiden Versuche standen ganze zwölf zurückhaltende Frauen auf der einen Seite. Die Autorinnen und Autoren halten selbst fest, dass der Effekt bei Männerpaaren schwächer ausfallen könnte. Eine direkte Wiederholung mit Blutdruck als Zielgröße habe ich nicht gefunden.

Und sie konnten nicht klären, woran es liegt. Sie haben es versucht. Sie haben geprüft, ob es an der geringeren Ausdrucksstärke oder an der geringeren Zugewandtheit liegt, und beides erklärte den Blutdruck der anderen Person nicht.

Für den zweiten Befund, den viel besseren, gelang genau das.

Not one of the partners of the suppressors showed any signs of awareness that her partner had been behaving in an artificial manner. All reported amazement that her partner had received suppression instructions.

Butler, Egloff, Wilhelm, Smith, Erickson und Gross, Emotion 2003

Das ist der Satz, um den es eigentlich geht

Niemand hat etwas bemerkt. Keine einzige der Zuhörerinnen kam darauf, dass ihr Gegenüber sich zusammengenommen hatte. Alle waren erstaunt, als sie es hinterher erfuhren.

Und trotzdem hatte sich etwas verändert. Die Zuhörerinnen fühlten sich weniger verbunden, sie mochten ihr Gegenüber weniger und sie hatten deutlich weniger Interesse daran, diese Person je wiederzusehen.

Hier gelang auch die Erklärung. Es lag an der Zugewandtheit. Wer sein Gesicht ruhig hält, reagiert weniger auf das, was die andere Person sagt, und genau das kam an.

Eine unabhängige Arbeitsgruppe hat das mit 306 Menschen in 153 Paaren wiederholt und dasselbe gefunden, mit einem zusätzlichen Detail: Die Partnerinnen und Partner hielten ihr Gegenüber für genauso echt wie in den anderen Bedingungen. Sie mochten es nur weniger.

Das ist unangenehmer als die Version mit dem Blutdruck. Du wirkst nicht unecht. Du wirkst nicht angespannt. Du wirkst nur ein bisschen weniger da und niemand kann sagen, woran es lag.

Und jetzt die Gegenseite, denn die gibt es

Jetzt kommt der Teil, den ich nicht auslassen darf, weil dieser Beitrag sonst kippt.

Zurückhalten ist nicht überall gleich teuer. In einer Untersuchung mit asiatisch-amerikanischen Paaren kehrte sich der Zusammenhang zwischen Ausdruck und Blutdruck sogar um. Und die sozialen Nachteile fielen bei Menschen mit stärker asiatisch geprägten Werten deutlich geringer aus. Wichtig dabei: Es ging um selbst berichtete Werte auf einer Skala, nicht um Herkunft als Etikett.

Es gibt auch Lagen, in denen Zurückhalten trägt. Über vierzehn Tage Alltagserhebung zeigte sich: Wer sich stark über Verbundenheit definiert und für einen anderen Menschen zurücksteckt, berichtet von mehr Zufriedenheit, wenn er seinen Ärger dabei für sich behält. Bei Menschen, die sich weniger über Verbundenheit definieren, war es genau umgekehrt.

Und eine Trennung, die oft verwischt wird: Ein Ärger verschwindet nicht, wenn man ihn aus dem Gesicht hält. Bei Freude ist es anders. Wer sie nicht zeigt, empfindet sie messbar schwächer.

Das ist vielleicht der praktischste Satz des ganzen Beitrags. Das Zurückhalten kostet dich beim Schönen mehr als beim Schweren.

Was das in vier Lebensbereichen bedeutet

Die Frage ist nicht, ob du zurückhältst. Die Frage ist, was du dafür bekommst.

01

Bei dir selbst

Wenn du merkst, dass du dein Gesicht ruhig hältst, frag dich einmal: Wen schütze ich gerade. Oft ist die ehrliche Antwort nicht die andere Person, sondern das Gespräch, das sonst nötig wäre. Das ist eine zulässige Entscheidung. Sie sollte nur eine sein und keine Gewohnheit.

02

Mit deinem Kind

Hier bin ich vorsichtig mit dem, was ich behaupte. Untersucht wurde, dass Begegnungen mit zurückhaltenden Eltern von außen weniger warm und weniger zugewandt wirkten. Was sich in welche Richtung überträgt, war bei Müttern und Vätern verschieden. Was ich daraus für den Alltag ableite, ist meine Deutung: Ein Kind braucht nicht deine Ruhe, es braucht deine Zugewandtheit.

03

In der Partnerschaft

Hier fällt der Preis am deutlichsten an. Über vier Studienjahre hinweg sagte häufiges Zurückhalten schwächere soziale Verbindungen voraus. Das ist ein Zusammenhang und kein Beweis, aber die Richtung ist eindeutig. Und die Freude nicht zu zeigen kostet dich mehr als den Ärger nicht zu zeigen.

04

Im Beruf

Im Beruf ist Zurückhalten oft schlicht die Anforderung und es wäre unehrlich, das wegzureden. Die Unterscheidung, die dort etwas trägt, ist eine andere: nur das Gesicht zu bewahren, kostet mehr, als die innere Haltung tatsächlich zu verschieben. Das ist gut untersucht, allerdings nur der Richtung nach, deshalb nenne ich hier keine Zahl.

Was du mitnimmst

Wegdrücken ist teuer, aber nicht auf dem Konto, auf dem du es erwartest. Dein Kreislauf verkraftet es meistens. Die Verbindung zum anderen Menschen verkraftet es schlechter.

Und das Bittere daran: Es wird nicht bemerkt. Niemand denkt sich, da hält jemand etwas zurück. Die andere Person geht nur mit einem leicht ungutem Gefühl aus dem Abend, für das sie keinen Grund benennen kann.

Der Mann am Küchentisch wollte sie schonen. Bekommen hat sie einen Abend, an dem er ein bisschen weniger da war.

Wissen wird Wirkung in der Anwendung

Was du hier liest, erklärt den Mechanismus. Was sich in deinem Alltag ändert, entsteht erst, wenn du es an deinen eigenen Situationen übst. Genau dafür ist das Coaching da.

Häufig gestellte Fragen

Ist es also besser, immer alles zu zeigen?

Nein, und das ist keine höfliche Einschränkung. Es gibt Menschen und Lagen, in denen Zurückhalten trägt. Wer sich stark über Verbundenheit definiert und für jemanden zurücksteckt, berichtet in Alltagserhebungen sogar von mehr Zufriedenheit, wenn er den Ärger dabei für sich behält. Und in einer Untersuchung mit asiatisch-amerikanischen Paaren kehrte sich der Zusammenhang zwischen Ausdruck und Blutdruck um. Die Frage ist nicht, ob du zurückhältst, sondern wofür.

Merkt mein Gegenüber, dass ich etwas zurückhalte?

Nach der Datenlage nein, und das ist der überraschendste Befund. In der Ursprungsstudie kam keine einzige der Zuhörerinnen darauf, alle waren hinterher erstaunt. Eine unabhängige Wiederholung mit 306 Menschen fand dasselbe: Die Echtheit wurde nicht anders eingeschätzt. Was sich änderte, war, wie gern man die Person mochte. Die Wirkung tritt ein, ohne dass jemand sie bemerkt.

Ist das dasselbe wie der Versuch, an etwas nicht zu denken?

Nein, und die beiden werden ständig verwechselt. Hier geht es allein um das Gesicht, um Stimme und Gestik, während das Gefühl weiterläuft. Der bekannte Versuch mit dem Gedanken, den man loswerden will, ist etwas anderes, er setzt am Denkinhalt an. Und seine berühmte Sofortwirkung ist metaanalytisch weitgehend abwesend, gut belegt ist nur der Rückprall danach.

Schadet Wegdrücken der Gesundheit?

Das lässt sich mit den vorliegenden Arbeiten nicht sagen. Die einzige einschlägige Untersuchung zur Sterblichkeit ist grenzwertig, sie beruht auf 111 Todesfällen, misst eigentlich etwas anderes, nämlich das Zurückhalten von Mitteilungen, und fand ausgerechnet die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit nicht bedeutsam. Wer daraus eine Gesundheitswarnung macht, geht deutlich über die Daten hinaus.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.Butler, E. A., Egloff, B., Wilhelm, F. H., Smith, N. C., Erickson, E. A. und Gross, J. J. (2003). The Social Consequences of Expressive Suppression. Zwei Experimente, 78 Frauenpaare. Trägt den Blutdruckbefund und das Zitat zur Nichtwahrnehmung. Emotion, 3(1), 48 bis 67.
  2. 2.Birg, J. A. und English, T. (2024). Effects of regulating emotional expression on authenticity and likeability in stranger dyads. 306 Personen in 153 Paaren, unabhängige Wiederholung. Journal of Social and Personal Relationships, 41(10), 2868 bis 2888.
  3. 3.Chervonsky, E. und Hunt, C. (2017). Suppression and expression of emotion in social and interpersonal outcomes. Metaanalyse über 43 Arbeiten, überwiegend Zusammenhangsdaten. Emotion, 17(4), 669 bis 683.
  4. 4.English, T., John, O. P., Srivastava, S. und Gross, J. J. (2012). Emotion regulation and peer-rated social functioning. Längsschnitt über vier Studienjahre, korrelativ. Journal of Research in Personality, 46(6), 780 bis 784.
  5. 5.Gross, J. J. (1998). Antecedent- and response-focused emotion regulation. 120 Personen. Beide Strategien senkten den Ausdruck gleichermaßen, der Unterschied lag im Erleben. Journal of Personality and Social Psychology, 74(1), 224 bis 237.
  6. 6.Zaehringer, J., Jennen-Steinmetz, C., Schmahl, C., Ende, G. und Paret, C. (2020). Psychophysiological effects of downregulating negative emotions. 78 Studien, 4.474 Personen. Der mittlere Blutdruck wurde im Mittel gesenkt, nicht erhöht. Frontiers in Psychology, 11, 470.
  7. 7.Butler, E. A., Lee, T. L. und Gross, J. J. (2009). Does expressing your emotions raise or lower your blood pressure? Bei asiatisch-amerikanischen Paaren kehrte sich die Richtung um. Journal of Cross-Cultural Psychology, 40(3), 510 bis 517.
  8. 8.Le, B. M. und Impett, E. A. (2013). When holding back helps. Vierzehn Tage Alltagserhebung, Zurückhalten kann nützen. Psychological Science, 24(9), 1809 bis 1815.
  9. 9.Wang, D. A., Hagger, M. S. und Chatzisarantis, N. L. D. (2020). Ironic effects of thought suppression. 31 Studien. Die Sofortwirkung ist weitgehend abwesend, gut belegt ist nur der Rückprall danach. Perspectives on Psychological Science, 15(3), 778 bis 793.
  10. 10.Chapman, B. P., Fiscella, K., Kawachi, I., Duberstein, P. und Muennig, P. (2013). Emotion suppression and mortality risk over a 12-year follow-up. Grenzwertig, 111 Todesfälle, Herz-Kreislauf-Sterblichkeit nicht bedeutsam. Journal of Psychosomatic Research, 75(4), 381 bis 385.

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