Bevor du denkst · Staffel 2

Der andere löst aus, er verursacht nicht

Warum derselbe Satz den einen kaltlässt und den anderen trifft

Dennis Tefett6 Minuten Lesezeit
Zwei Menschen an einem Besprechungstisch hören denselben Satz. Bei einem bleibt es still, beim anderen leuchtet der Brustraum auf.

Derselbe Satz, zwei Menschen, zwei völlig verschiedene Wirkungen. Wenn der Satz die Ursache wäre, dürfte das nicht passieren.

Ein Satz, zwei Menschen, zwei Welten

Dienstagvormittag, Besprechungsraum, elf Uhr. Jemand sagt, eher beiläufig: das hatten wir doch schon besprochen.

Links am Tisch sitzt ein Kollege. Er nickt, schreibt weiter, der Satz geht durch ihn hindurch wie Zugluft.

Rechts sitzt eine Kollegin. Ihr wird heiß im Gesicht. Der Rest der Sitzung findet für sie nicht mehr statt, weil sie innerlich Sätze formuliert, die sie nicht sagen wird.

Beide haben dasselbe gehört. Wenn der Satz das Gefühl gemacht hätte, müssten beide gleich reagieren. Sie tun es nicht.

Infografik
Schaubild: von einem Ereignis führt ein Pfeil nicht direkt zum Gefühl, sondern durch ein schmales Feld, in dem Bedürfnis und Bewertung liegen.
Der Weg vom Ereignis zum Gefühl führt nicht geradeaus. Er führt durch etwas hindurch, das dir gehört.

Ein sehr alter Gedanke, den die Forschung wieder aufgegriffen hat

Epiktet war Sklave in Rom, später Philosoph, und von ihm stammt der Satz, dass nicht die Dinge selbst die Menschen beunruhigen, sondern ihre Meinungen über die Dinge. Das ist fast zweitausend Jahre alt.

Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, stellt sein Kapitel zu dieser Frage ausdrücklich unter dieses Zitat. Er selbst formuliert es so, dass es unbequem bleibt.

Rosenberg meint damit nicht, das Verhalten anderer sei egal. Er unterscheidet zwei Rollen im selben Vorgang. Der andere ist der Anlass. Was daraus in dir wird, entscheidet sich an dem, was dir gerade wichtig ist und was du im Moment über die Lage denkst. Beides gehört bei ihm zusammen, es ist ein Gedanke und nicht zwei.

Die Emotionsforschung arbeitet seit Jahrzehnten mit einer ganz ähnlichen Annahme. Zwischen Ereignis und Gefühl liegt eine Bewertung. Wichtig ist dabei ein Punkt, den man leicht überliest: diese Bewertung ist kein Entschluss. Sie läuft blitzschnell, meist unbewusst und ohne dein Zutun.

Und noch etwas, weil es sonst zu glatt klingt. Ob diese Bewertung das Gefühl wirklich verursacht, ist unter Fachleuten bis heute nicht entschieden. Eine der führenden Vertreterinnen dieser Denkrichtung räumt selbst ein, dass der Nachweis dafür bislang fehlt. Es ist ein sehr gutes Arbeitsmodell. Ein Beweis ist es nicht.

What others do may be the stimulus of our feelings, but not the cause.

Marshall B. Rosenberg, Nonviolent Communication, Kapitel 5

Ein Satz, der von außen kam

Unter einem meiner Beiträge schrieb eine Leserin sinngemäß, ihre Gefühle entstünden nicht einfach so, sie hätten mit ihr zu tun, mit ihren Erfahrungen und mit dem, was sie über sich glaubt. Und nicht alles, was sie treffe, habe wirklich mit dem Gegenüber zu tun. Manches rühre an Altes.

Das trifft den Kern dieser Reihe genauer, als es die meisten Fachtexte tun. Es ist deshalb so gut, weil es beides hält: das Gefühl ernst nehmen und es niemandem anlasten.

Wo dieser Gedanke aufhört, und das ist wichtig

Jetzt kommt der Teil, den ich nicht auslassen darf.

Dieser Gedanke ist ein Werkzeug für den Alltag unter Gleichen. Für den Streit am Küchentisch, für den Ton in der Besprechung, für die Bemerkung der Schwiegermutter.

Er ist kein Werkzeug für Gewalt, für Missbrauch, für Diskriminierung. Wo dir jemand schadet, ist die erste Frage nicht, was du bewertest. Die erste Frage ist, ob du sicher bist.

Diese Grenze ziehe ich selbst und ich sage das ausdrücklich, weil Rosenberg sie so nicht zieht. Er wendet seine Methode auch auf Angegriffene an, in einem Fall sogar auf einen versuchten Übergriff. Ich halte das für falsch und ich möchte mich hier nicht hinter ihm verstecken.

Es gibt eine zweite Grenze und sie stammt aus seinen eigenen Reihen. Miki Kashtan, eine der bekanntesten Ausbilderinnen dieser Methode, warnt selbst davor, dass die Aufforderung, zuerst auf sich selbst zu sehen, dort Schaden anrichtet, wo Menschen nicht auf Augenhöhe stehen. Wer ohnehin weniger Macht hat, bekommt dann auch noch die Arbeit am eigenen Blick aufgeladen.

Und ganz nüchtern: dass jemand für ein Gefühl nicht die Ursache ist, entlastet ihn nicht für seine Tat. Wer verletzt, bleibt für die Verletzung verantwortlich. Es geht hier allein darum, wo du selbst ansetzen kannst.

Was das in vier Lebensbereichen bedeutet

Derselbe Zwischenraum, vier sehr verschiedene Räume.

01

Bei dir selbst

Wenn dich etwas härter trifft als die Sache hergibt, ist das ein Hinweis, kein Makel. Frag nicht, warum der andere so ist. Frag, was dir gerade wichtig war und gefehlt hat. Meistens steht dort ein sehr einfaches Wort: gesehen werden, dazugehören, in Ruhe gelassen werden.

02

Mit deinem Kind

Der Satz du machst mich wahnsinnig legt dem Kind die Verantwortung für deinen Zustand auf die Schultern. Es kann sie nicht tragen. Ich bin gerade zu erschöpft für Lautstärke sagt dasselbe über dich, ohne das Kind zum Verursacher zu machen.

03

In der Partnerschaft

Der Klassiker klingt so: du hast mich verletzt. Es geht auch anders, ohne dass es weichgespült wird. Als du das gesagt hast, ist etwas in mir zugegangen, weil mir dabei wichtig ist, dass wir das gemeinsam entscheiden. Der Vorwurf ist raus, das Anliegen steht.

04

Im Beruf

Die Bemerkung in der Besprechung ist der Anlass. Ob sie dich abends noch beschäftigt, entscheidet sich an dem, was sie bei dir berührt. Fachliche Kritik trifft selten wegen der Fachlichkeit. Sie trifft, weil daran hängt, ob du für kompetent gehalten wirst.

Was du mitnimmst

Der andere ist der Anlass. Was daraus wird, hat auch mit dir zu tun und das ist keine Anklage, sondern eine Tür.

Diese Bewertung läuft schneller, als du sie steuern könntest. Sie ist deshalb nicht deine Schuld. Sie ist nur der Ort, an dem später etwas beweglich wird.

Und in dem Moment, in dem du auf die eigene Seite schaust, hörst du auf, auf die Änderung des anderen zu warten. Das ist der eigentliche Gewinn, nicht die Harmonie.

Wissen wird Wirkung in der Anwendung

Was du hier liest, erklärt den Mechanismus. Was sich in deinem Alltag ändert, entsteht erst, wenn du es an deinen eigenen Situationen übst. Genau dafür ist das Coaching da.

Häufig gestellte Fragen

Heißt das, ich bin selbst schuld an meinen Gefühlen?

Nein, und das ist der wichtigste Punkt. Die Bewertung, um die es geht, läuft überwiegend automatisch und unbewusst ab. Niemand entscheidet sich für Wut. Rosenberg selbst nennt die Selbstbeschuldigung ausdrücklich einen Fehlweg und widmet ihr ein ganzes Kapitel. Es geht nicht um Schuld, sondern um die Frage, wo du überhaupt ansetzen kannst.

Gilt das auch, wenn mir jemand wirklich etwas antut?

Nein. Diese Unterscheidung ist ein Werkzeug für den Alltag unter Gleichen. Bei Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung ist die erste Frage, ob du sicher bist, und nicht, was du bewertest. Diese Grenze ziehe ich ausdrücklich selbst, denn Rosenberg zieht sie in seinem Buch nicht.

Ist das wissenschaftlich bewiesen?

Nicht in dem starken Sinn, den das Wort nahelegt. Ein großer Teil der Emotionsforschung arbeitet mit der Annahme, dass zwischen Ereignis und Gefühl eine Bewertung steht. Ob diese Bewertung das Gefühl verursacht, ist fachlich offen, eine führende Vertreterin räumt den fehlenden Nachweis selbst ein. Es ist ein gutes Arbeitsmodell und ein alter philosophischer Gedanke, kein Messbefund.

Und was ist mit der Gewaltfreien Kommunikation als Methode?

Als Haltung ist sie weit verbreitet, als Verfahren ist sie schwach untersucht. Die sieben Studien der einschlägigen Übersicht haben zusammen 185 Teilnehmende, und die größte Untersuchung mit Nachbeobachtung fand drei Monate später nur einen kleinen Zuwachs in der Selbsteinschätzung. Ich führe Rosenberg hier deshalb als Ideengeber und nicht als Beleg. Der Gedanke steht für sich, unabhängig davon, wie gut das Trainingsprogramm wirkt.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.Rosenberg, M. B. (2015). Nonviolent Communication: A Language of Life, 3. Auflage. Tragend sind Kapitel 5 und 10, zur Selbstbeschuldigung Kapitel 9. PuddleDancer Press, Encinitas.
  2. 2.Moors, A., Ellsworth, P. C., Scherer, K. R. und Frijda, N. H. (2013). Appraisal Theories of Emotion: State of the Art and Future Development. Emotion Review, 5(2), 119 bis 124.
  3. 3.Moors, A. (2013). On the Causal Role of Appraisal in Emotion. Räumt den fehlenden empirischen Beleg für die Ursächlichkeit ein. Emotion Review, 5(2), 132 bis 140.
  4. 4.Lazarus, R. S. (1984). On the Primacy of Cognition. Nennt die Frage ausdrücklich unentschieden. American Psychologist, 39(2), 124 bis 129.
  5. 5.Zajonc, R. B. (1984). On the Primacy of Affect. Die Gegenposition. American Psychologist, 39(2), 117 bis 123.
  6. 6.Adriani, P. und Kollegen (2024). Non-violent communication as a technology in interpersonal relationships in health work: a scoping review. Sieben Studien mit zusammen 185 Teilnehmenden. BMC Health Services Research, 24, 289.

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