Bevor du denkst · Staffel 1

Dein Körper ist schneller als dein Gefühl

Warum du längst reagiert hast, bevor du weißt, was du fühlst

Dennis Tefett6 Minuten Lesezeit
Ein Mensch im Profil, im Körper leuchten Brust, Hals und Hände auf, bevor der Kopf reagiert.

Dein Herz schlägt schneller, deine Schultern sind oben, deine Stimme wird fest. Und erst danach kommt der Satz, mit dem du dir erklärst, warum. Diese Reihenfolge ist keine Schwäche. Sie ist der Bauplan.

Ein Auto bremst und du bist schon längst erschrocken

Sie fährt auf der Landstraße, das Radio läuft, sie denkt an nichts Besonderes. Vor ihr geht eine Bremsleuchte an. Ihr Fuß ist auf der Bremse, ihre Hände sind fest am Lenkrad, ihr Brustkorb ist eng. Und erst danach, eine gefühlte Ewigkeit später, hört sie sich selbst denken: das war knapp.

Jeder kennt diesen Moment. Wir erzählen ihn meistens falsch herum. Wir sagen, ich habe mich erschrocken und deshalb gebremst. In Wahrheit war es andersherum.

Der Körper war zuerst dran. Das Gefühl kam nach.

Infografik
Schaubild: zwei getrennte Wege im Gehirn. Der eine steuert Körper und Verhalten und läuft ohne Bewusstsein, der andere erzeugt das bewusste Gefühl.
Zwei Systeme, nicht eines. Was deinen Körper steuert, ist nicht dasselbe, was dein Gefühl macht.

Was Joseph LeDoux gefunden hat und was er später zurücknahm

Joseph LeDoux hat einen großen Teil seines Forscherlebens damit verbracht, dem Weg der Bedrohung durchs Gehirn zu folgen. Sein Bild vom schnellen, groben Weg zur Amygdala wurde weltberühmt und daraus wurde eine der meistzitierten Geschichten der populären Psychologie.

Belegt ist an dieser Geschichte etwas Verblüffendes. Es gibt Menschen, die nach einer Hirnverletzung auf einer Seite ihres Sehfeldes nichts mehr bewusst sehen können. Zeigt man ihnen dort ein bedrohliches Bild, sagen sie wahrheitsgemäß, sie sähen nichts. Ihr Körper aber reagiert. Die Amygdala wird aktiv, die Abwehrreaktion läuft an. Ohne Wahrnehmung, ohne Bewusstsein und ohne dass die Person Angst empfindet.

Dasselbe zeigt sich bei Gesunden, wenn ein bedrohlicher Reiz so kurz gezeigt wird, dass er nicht bewusst ankommt. Der Körper antwortet trotzdem.

Und dann kommt die Wendung, die in fast keinem populären Text auftaucht. LeDoux hat gemeinsam mit Daniel Pine später klargestellt, dass hier zwei getrennte Systeme arbeiten. Das eine steuert Verhalten und Körper und läuft weitgehend ohne Bewusstsein. Das andere erzeugt das bewusste Gefühl. Der schnelle Weg macht deine Reaktion. Er macht nicht dein Gefühl.

Menschen mit geschädigter Amygdala können weiterhin Furcht, Panik und Schmerz empfinden. Und das Erleben von Angst deckt sich schlecht mit dem, was Körper und Verhalten anzeigen.

Zusammengefasst nach LeDoux und Pine, 2016, kein wörtliches Zitat

Warum das mehr ist als eine Feinheit für Fachleute

Wenn Reaktion und Gefühl zwei Systeme sind, dann erklärt das drei Dinge, an denen sich Menschen täglich abarbeiten.

Erstens: Du kannst zittern und trotzdem nicht wissen, was du fühlst. Das ist kein Widerspruch, das sind schlicht zwei Systeme mit unterschiedlichem Tempo.

Zweitens: Du kannst dich zusammenreißen und trotzdem innerlich brennen. Die sichtbare Reaktion lässt sich eine Weile beherrschen. Das Gefühl verschwindet dadurch nicht.

Drittens: Du kannst jemandem nicht das Gefühl wegargumentieren, indem du seine Reaktion kritisierst. Du redest dann mit dem falschen System.

Übrigens: der bekannte Ausdruck vom Amygdala-Hijack stammt nicht aus der Hirnforschung, sondern von Daniel Goleman. Er ist ein Bild und als Bild ist er gut. Ein Mechanismus ist er nicht. Und ob der schnelle Weg beim Menschen anatomisch so verläuft wie einst an Ratten beschrieben, ist unter Fachleuten bis heute umstritten. Luiz Pessoa und Ralph Adolphs haben genau daran erinnert: beim Menschen ist die Großhirnrinde viel stärker beteiligt, als das einfache Bild vermuten lässt.

Was das in vier Lebensbereichen bedeutet

Dieselbe Reihenfolge, vier sehr verschiedene Räume.

01

Bei dir selbst

Frag dich zuerst, was dein Körper gerade macht, nicht was du denkst. Enge Brust, flacher Atem, feste Kiefer. Das ist die ehrlichere Information, weil sie früher da war als jede Erklärung.

02

Mit deinem Kind

Wenn dein Kind ausrastet, ist sein Körper längst im Vollgas. Die Frage warum hast du das getan trifft ein System, das gerade nicht antwortet. Erst Ruhe, dann Worte. Nicht umgekehrt.

03

In der Partnerschaft

Dein Satz ist noch nicht zu Ende, da hat der Körper deines Gegenübers schon reagiert. Wer im Streit sachlich nachlegt, redet gegen eine Reaktion an, die längst läuft. Eine Pause ist keine Schwäche, sie ist der einzige wirksame Hebel.

04

Im Beruf

In der Besprechung merkst du an dir selbst zuerst die Anspannung, dann erst die Bewertung. Wer das kennt, kauft sich Zeit, statt sofort zu antworten. Das wirkt souverän und ist in Wahrheit nur gute Reihenfolge.

Was du mitnimmst

Du bist nicht zu dünnhäutig, wenn dein Körper schneller ist als dein Verstand. Du bist gebaut wie jeder andere Mensch auch.

Der Fehler liegt nicht im Gefühl. Er liegt in der Annahme, man müsse es abstellen können. Wer die Reihenfolge kennt, hört auf, gegen sich selbst zu kämpfen, und fängt an, an der Stelle zu arbeiten, an der wirklich etwas geht.

Wissen wird Wirkung in der Anwendung

Was du hier liest, erklärt den Mechanismus. Was sich in deinem Alltag ändert, entsteht erst, wenn du es an deinen eigenen Situationen übst. Genau dafür ist das Coaching da.

Häufig gestellte Fragen

Heißt das, ich habe keine Kontrolle über meine Gefühle?

Nein. Es heißt, dass du an der falschen Stelle ansetzt, wenn du die erste Reaktion verhindern willst. Die läuft schneller, als Kontrolle möglich ist. Beeinflussbar ist, was danach passiert: wie du das Erlebte deutest, ob du es benennst und ob du dir Zeit nimmst, bevor du handelst.

Ist der Amygdala-Hijack denn falsch?

Er ist kein Fachbegriff der Hirnforschung, sondern ein Bild, das Daniel Goleman populär gemacht hat. Als Bild beschreibt es das Erleben gut. Als Erklärung greift es zu kurz, weil es Reaktion und Gefühl in einen Topf wirft, die tatsächlich getrennt entstehen.

Warum liest man dann überall, die Angst entstehe in der Amygdala?

Weil diese Darstellung jahrzehntelang verbreitet wurde, auch von der Forschung selbst. Joseph LeDoux hat sie später gemeinsam mit Daniel Pine ausdrücklich korrigiert: getrennte Schaltkreise für Körperreaktion und für bewusstes Gefühl. Menschen mit geschädigter Amygdala können weiterhin Furcht empfinden.

Kann ich lernen, meinen Körper früher zu bemerken?

Ja, und das ist die eigentlich lohnende Übung. Je früher du die körperliche Veränderung bemerkst, desto mehr Spielraum hast du, bevor sich eine Geschichte darüber legt. Der Zwei-Fragen-Check oben ist dafür der einfachste Einstieg.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.LeDoux, J. E. (1996). The Emotional Brain: The Mysterious Underpinnings of Emotional Life. Simon und Schuster, New York.
  2. 2.Romanski, L. M. und LeDoux, J. E. (1992). Equipotentiality of thalamo-amygdala and thalamo-cortico-amygdala projections as auditory routes to the amygdala. Journal of Neuroscience, 12(11), 4501 bis 4509.
  3. 3.LeDoux, J. E. und Pine, D. S. (2016). Using Neuroscience to Help Understand Fear and Anxiety: A Two-System Framework. American Journal of Psychiatry, 173(11), 1083 bis 1093.
  4. 4.Pessoa, L. und Adolphs, R. (2010). Emotion processing and the amygdala: from a low road to many roads of evaluating biological significance. Nature Reviews Neuroscience, 11(11), 773 bis 783.
  5. 5.Goleman, D. (1995). Emotional Intelligence: Why It Can Matter More Than IQ. Bantam Books, New York.

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