Bevor du denkst · Staffel 1

Dein Gehirn findet Gefühle nicht, es baut sie

Warum dasselbe Herzklopfen einmal Angst heißt und einmal Vorfreude

Dennis Tefett6 Minuten Lesezeit
Drei Ströme fließen zusammen und werden zu einem leuchtenden Tropfen: Körper, Erfahrung und Sprache.

Herzklopfen, feuchte Hände, ein Ziehen im Bauch. Genau dieser Zustand kann Angst sein oder Vorfreude. Was daraus wird, entscheidet nicht dein Körper allein.

Zwei Menschen, derselbe Körper, zwei völlig verschiedene Abende

Zwei Männer stehen vor demselben Saal, gleich sprechen sie vor zweihundert Leuten. Beide haben Herzklopfen. Beide spüren die Hände feucht werden. Der eine denkt, ich habe Angst. Der andere denkt, ich bin aufgeregt, gleich geht es los.

Am Abend erzählt der eine, es sei furchtbar gewesen. Der andere erzählt, es sei großartig gewesen. Ihr Körper hatte fast dasselbe getan.

Wir halten Gefühle für etwas, das uns zustößt. In Wahrheit ist erstaunlich viel daran gemacht.

Infografik
Schaubild: drei Zuflüsse, Körperzustand, Erfahrung und Sprache, laufen zusammen und ergeben ein Gefühl.
Drei Zutaten, ein Gefühl. Fehlt eine davon, wird es ein anderes.

Was Lisa Feldman Barrett vorschlägt

Lisa Feldman Barrett hat eine Theorie der konstruierten Emotion formuliert. Ihr Kern: Dein Gehirn bekommt ständig Rohmaterial aus dem Körper, ein Grundrauschen aus Herzschlag, Atmung, Spannung, Energie. Dieses Rohmaterial ist unspezifisch. Es sagt nicht, ob du verliebt bist oder ob dir schlecht wird.

Was daraus ein bestimmtes Gefühl macht, ist eine Deutung. Dein Gehirn gleicht den Körperzustand mit dem ab, was du in ähnlichen Lagen erlebt hast, und ordnet ihn einer Kategorie zu. Diese Kategorien haben Namen. Angst. Vorfreude. Scham. Erleichterung.

Damit ist ein Gefühl kein Fund, sondern ein Ergebnis. Drei Zutaten kommen zusammen: der Zustand deines Körpers, deine bisherige Erfahrung und der Begriff, der dir zur Verfügung steht.

Zwei Sichtweisen auf dasselbe Herzklopfen

Feste Grundgefühle
Gebautes Gefühl
Woher es kommt
Ein eingebautes Programm springt an
Körperzustand wird gedeutet und eingeordnet
Was der Körper sagt
Jedes Gefühl hat sein eigenes Muster
Das Muster ist unspezifisch, die Deutung macht den Unterschied
Rolle der Sprache
Sprache benennt nur, was schon da ist
Sprache formt mit, was daraus wird
Was daraus folgt
Du erkennst dein Gefühl
Du hast Anteil daran, welches es wird

Und jetzt die Ehrlichkeit: das ist nicht entschieden

Es wäre bequem, diese Geschichte als neuen Stand der Forschung zu verkaufen. Sie ist es nicht.

Der Streit zwischen beiden Lagern läuft und er läuft mit harten Bandagen. Eine außenstehende Übersichtsarbeit von Kim van Heijst, Mariska Kret und Annemie Ploeger hat 2023 genau das festgehalten: beide Positionen sind weiterhin vertreten, keine hat die andere abgeräumt.

Wer dir also erzählt, die Forschung habe die Basisemotionen widerlegt, geht zu weit. Und wer erzählt, an der Konstruktion sei nichts dran, ebenso.

Für dich im Alltag ist das trotzdem brauchbar, denn beide Seiten sind sich in einem Punkt einig: dein Körperzustand allein legt nicht fest, welches Gefühl daraus wird.

Was das in vier Lebensbereichen bedeutet

Wenn Deutung mitspielt, wird sie zum Ansatzpunkt.

01

Bei dir selbst

Frag vor der Bewertung nach dem Rohmaterial. Bin ich müde, hungrig, unterzuckert, schlecht geschlafen? Erstaunlich oft ist das, was sich wie ein Urteil über dein Leben anfühlt, ein Zustand deines Körpers.

02

Mit deinem Kind

Kinder haben weniger Begriffe für ihr Inneres, also entsteht daraus schneller ein großes undifferenziertes Unwohlsein. Wer mit anbietet, ob es eher Enttäuschung oder eher Überforderung ist, gibt dem Kind Bausteine, aus denen es später selbst bauen kann.

03

In der Partnerschaft

Derselbe Satz kann Fürsorge oder Kontrolle bedeuten. Was daraus wird, entscheidet die Deutung und die läuft aus alter Erfahrung. Deshalb lohnt die Frage, wie etwas gemeint war, mehr als der Streit darüber, wie es angekommen ist.

04

Im Beruf

Vor der Präsentation lässt sich das Etikett wechseln. Nicht "ich habe Angst", sondern "mein Körper macht mich bereit". Das ist keine Selbstlüge, denn der Körperzustand ist tatsächlich derselbe. Du wählst nur die andere Kategorie.

Was du mitnimmst

Dein Körper liefert das Material. Was daraus wird, hängt auch an deiner Erfahrung und an den Worten, die du hast.

Das nimmt dir kein Gefühl weg und macht keines unecht. Es öffnet nur eine Tür, die vorher zu war: du bist an der Entstehung beteiligt, nicht nur Empfänger.

Wissen wird Wirkung in der Anwendung

Was du hier liest, erklärt den Mechanismus. Was sich in deinem Alltag ändert, entsteht erst, wenn du es an deinen eigenen Situationen übst. Genau dafür ist das Coaching da.

Häufig gestellte Fragen

Heißt das, meine Gefühle sind nicht echt?

Im Gegenteil. Etwas Gebautes ist nicht weniger echt als etwas Gefundenes, ein Haus ist auch echt. Gemeint ist nur, dass ein Gefühl aus Bestandteilen entsteht, statt fertig abgerufen zu werden.

Wie viele Grundgefühle gibt es denn nun?

Darauf gibt es keine saubere Antwort und wer eine feste Zahl nennt, tut so, als sei die Frage entschieden. Selbst Paul Ekman hat die Zahl im Lauf seines Werks verändert. Deshalb steht in diesem Text bewusst keine Ziffer.

Ist die Theorie der konstruierten Emotion bewiesen?

Nein. Sie ist eine ernstzunehmende, gut ausgearbeitete Position, der eine ebenso ernstzunehmende Gegenposition gegenübersteht. Eine unabhängige Übersichtsarbeit von 2023 hält ausdrücklich fest, dass die Frage offen ist.

Kann ich mir dann einfach ein besseres Gefühl aussuchen?

So einfach ist es nicht. Die Deutung läuft größtenteils automatisch und stützt sich auf deine bisherige Erfahrung. Beeinflussbar ist sie an den Rändern, etwa durch bessere Worte und durch die Frage, ob dein Körperzustand vielleicht eine schlichtere Ursache hat.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.Barrett, L. F. (2017). The theory of constructed emotion: an active inference account of interoception and categorization. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 12(1), 1 bis 23. Druckausgabe 2017, online 2016.
  2. 2.Ekman, P. (1992). An argument for basic emotions. Cognition and Emotion, 6(3 bis 4), 169 bis 200.
  3. 3.Ekman, P. und Friesen, W. V. (1971). Constants across cultures in the face and emotion. Journal of Personality and Social Psychology, 17(2), 124 bis 129.
  4. 4.van Heijst, K., Kret, M. E. und Ploeger, A. (2023). Basic Emotions or Constructed Emotions: Insights From Taking an Evolutionary Perspective. Perspectives on Psychological Science, 20(3), 377 bis 391.

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