Bevor du denkst · Staffel 1

Das Gefühl sitzt im Körper

Warum du es spürst, bevor du es benennen kannst

Dennis Tefett6 Minuten Lesezeit
Ein Mensch von vorn, im Körper leuchten Brust, Hals und Bauch in unterschiedlicher Stärke.

Wir sagen, es liegt mir schwer im Magen. Es schnürt mir die Kehle zu. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Das klingt nach Poesie. Es ist Beschreibung.

Sie merkt es im Aufzug, drei Stockwerke vor dem Gespräch

Sie fährt zu einem Termin, von dem viel abhängt. Im dritten Stock merkt sie, dass ihr Atem flacher geworden ist. Der Brustkorb fühlt sich eng an, als hätte jemand einen Gurt enger gezogen.

Sie hätte nicht sagen können, dass sie Angst hat. Sie hätte sagen können, dass es eng ist.

Diese Reihenfolge ist der Normalfall. Der Körper meldet zuerst, das Wort kommt später. Und wer nur auf das Wort wartet, verpasst die frühere und ehrlichere Information.

Der Körper entscheidet mit, bevor du es merkst

Damasio spricht von somatischen Markern. Gemeint ist: Erfahrungen hinterlassen körperliche Spuren und diese Spuren melden sich, wenn eine ähnliche Lage wiederkehrt. Sie färben eine Entscheidung ein, bevor die Abwägung fertig ist.

Am eindrücklichsten zeigt das ein Kartenspiel. Antoine Bechara und Kollegen ließen Menschen von vier Kartenstapeln ziehen, zwei davon führten langfristig ins Minus. Die Versuchspersonen begannen die schlechten Stapel zu meiden, bevor sie überhaupt sagen konnten, dass diese Stapel schlecht waren. Ihre Handreaktion zeigte die Warnung früher als ihr Verstand.

Der Körper wusste es. Der Kopf brauchte noch ein paar Runden.

Menschen entschieden vorteilhaft, bevor sie die vorteilhafte Strategie kannten.

Zusammengefasst nach Bechara, Damasio, Tranel und Damasio, 1997, kein wörtliches Zitat

Die Landkarte der Gefühle und was sie wirklich zeigt

Ein finnisches Team um Lauri Nummenmaa hat sich das systematisch angesehen. 701 Menschen aus Finnland, Schweden und Taiwan bekamen zwei leere Körperumrisse vorgelegt, dazu Wörter, Geschichten, Filme und Gesichtsausdrücke. Ihre Aufgabe: einfärben, wo im Körper sich bei diesem Gefühl etwas verstärkt und wo etwas nachlässt.

Heraus kamen erstaunlich einheitliche Karten für dreizehn Gefühle. Bei den meisten verstärkt sich die Empfindung im Oberkörper. Wut zeigt sich zusätzlich deutlich in den Händen. Bei Trauer werden die Arme und Beine leer. Und Freude ist das einzige Gefühl, das den ganzen Körper erwärmt, von oben bis unten.

Und jetzt der Teil, den man ehrlicherweise dazusagen muss, weil er oft weggelassen wird: Diese Karten sind Selbstauskunft. Die Menschen haben aufgemalt, wo sie etwas spüren. Es wurde nicht die Hauttemperatur gemessen, nicht die Durchblutung, nicht die Muskelspannung. Es ist keine Wärmebildkamera, es ist eine sehr sorgfältige Befragung.

Das macht die Karten nicht wertlos, im Gegenteil. Dass die Karten über drei Sprachen hinweg so ähnlich ausfielen, ist selbst ein Befund, und die Autoren deuten ihn als Hinweis auf etwas Universelles. Überdehnen sollte man ihn trotzdem nicht: beteiligt waren zwei Kulturkreise, Westeuropa und Ostasien, nicht die ganze Welt.

Infografik
Schaubild: Körperumriss mit den Zonen, an denen Menschen Gefühle am häufigsten beschreiben, Brust, Hals, Bauch und Hände.
Wo Menschen fühlen. Aufgemalt von ihnen selbst, nicht gemessen.

Warum du überhaupt spürst, was innen los ist

Dass du deinen eigenen Herzschlag bemerken kannst, ist keine Selbstverständlichkeit. Dafür gibt es einen eigenen Sinn, die Interozeption, die Wahrnehmung des inneren Zustands.

Arthur Craig hat beschrieben, wie eng dieser innere Sinn mit dem Erleben von Gefühlen verknüpft ist. Vereinfacht gesagt: Was du von innen mitbekommst, ist ein Teil dessen, was du dann Gefühl nennst.

Menschen unterscheiden sich darin deutlich. Manche merken früh, dass die Brust eng wird. Andere merken es erst, wenn sie schon laut geworden sind. Und das ist der eigentlich gute Teil dieser Geschichte, denn diese Aufmerksamkeit lässt sich schulen.

Was das in vier Lebensbereichen bedeutet

Der Körper meldet zuerst. In jedem Raum anders nutzbar.

01

Bei dir selbst

Nimm dir dreimal am Tag zehn Sekunden und stelle eine einzige Frage: Wo ist gerade Spannung? Nicht bewerten, nur verorten. Das ist die Grundübung, alles andere baut darauf auf.

02

Mit deinem Kind

Kinder sagen selten, ich bin überfordert. Sie sagen, mir ist schlecht, oder mein Kopf tut weh. Nimm das ernst und frage nach dem Ort, nicht nach dem Grund. Wo sitzt es? Das öffnet mehr als jedes Warum.

03

In der Partnerschaft

Statt "du machst mich wütend" geht auch "bei mir wird gerade alles eng". Der zweite Satz ist überprüfbar, angreifbar ist er nicht. Er beschreibt, statt zu beschuldigen.

04

Im Beruf

Wenn du in einer Besprechung merkst, dass dein Kiefer fest wird, hast du eine Information, bevor du sie in Worte fassen musst. Nutze sie als Signal für eine Pause, nicht als Grund für einen Satz, den du später bereust.

Was du mitnimmst

Dein Körper ist kein Störsender, der dich beim Denken behindert. Er ist der erste Berichterstatter.

Und die Landkarten der Gefühle zeigen etwas Tröstliches: du bist damit nicht allein unterwegs. Menschen in drei Sprachen beschrieben erstaunlich ähnliche Orte.

Wissen wird Wirkung in der Anwendung

Was du hier liest, erklärt den Mechanismus. Was sich in deinem Alltag ändert, entsteht erst, wenn du es an deinen eigenen Situationen übst. Genau dafür ist das Coaching da.

Häufig gestellte Fragen

Sind die Körperkarten eine Messung?

Nein, und das ist wichtig. Die Menschen haben selbst eingefärbt, wo sie etwas spüren. Gemessen wurden weder Temperatur noch Durchblutung noch Muskelspannung. Es ist eine sehr sorgfältige Befragung von 701 Personen, keine Wärmebildaufnahme.

Heißt das, mein Bauchgefühl hat immer recht?

Nein. Somatische Marker stammen aus deiner Erfahrung und Erfahrung kann auch schieflaufen. Das Körpersignal ist eine frühe Information, kein Urteil. Es lohnt sich, es ernst zu nehmen und trotzdem zu prüfen.

Ich spüre bei mir fast nichts. Ist das schlimm?

Es ist verbreiteter, als man denkt, und es lässt sich verändern. Die Wahrnehmung des eigenen Innenlebens ist unterschiedlich stark ausgeprägt und sie wird durch regelmäßige, kurze Aufmerksamkeit deutlicher. Die Drei-Punkte-Prüfung oben ist dafür der einfachste Einstieg.

Warum spüren verschiedene Menschen dasselbe Gefühl an unterschiedlichen Stellen?

Die Karten zeigen Muster, keine Gesetze. Sie geben wieder, wo Menschen im Durchschnitt etwas beschreiben. Deine eigene Karte darf davon abweichen, sie bleibt trotzdem gültig.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.Damasio, A. R. (1994). Descartes’ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain. Putnam, New York.
  2. 2.Damasio, A. R. (1996). The somatic marker hypothesis and the possible functions of the prefrontal cortex. Philosophical Transactions of the Royal Society B, 351(1346), 1413 bis 1420.
  3. 3.Bechara, A., Damasio, H., Tranel, D. und Damasio, A. R. (1997). Deciding Advantageously Before Knowing the Advantageous Strategy. Science, 275(5304), 1293 bis 1295.
  4. 4.Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Nature Reviews Neuroscience, 3(8), 655 bis 666.
  5. 5.Nummenmaa, L., Glerean, E., Hari, R. und Hietanen, J. K. (2014). Bodily maps of emotions. Proceedings of the National Academy of Sciences, 111(2), 646 bis 651. Selbstauskunft von 701 Personen, 13 Gefühle plus neutraler Zustand.

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