Bevor du denkst · Staffel 2

Warum manche Menschen dich mehr treffen als andere

Was darüber entscheidet, wie lange eine Bemerkung in dir nachhallt

Dennis Tefett6 Minuten Lesezeit
Mehrere Menschen um einen Tisch, von einer Person geht eine Welle aus, die nur bei einer zweiten sichtbar ankommt.

Dieselbe Kritik, zwei Absender. Beim einen nickst du. Bei der anderen liegst du nachts noch wach.

Zwei Menschen sagen ihr fast denselben Satz

Am Mittwoch sagt ein Kollege zu ihr, die Präsentation sei etwas lang geraten. Sie sagt danke, kürzt zwei Folien, fertig.

Am Sonntag sagt ihre ältere Schwester beim Kaffee, sie mache sich immer so viel Arbeit für so wenig.

Der Satz vom Sonntag ist objektiv harmloser. Er ist der, der noch am Dienstag da ist.

Wenn allein der Inhalt zählen würde, dürfte das nicht passieren. Es passiert, weil noch etwas anderes mitspielt: wie nah jemand steht und woran er rührt.

Infografik
Schaubild: zwei Kurven starten gleich hoch, die eine fällt schnell ab, die andere bleibt lange oben.
Der erste Ausschlag ist bei fast allen ähnlich. Die Kurve danach ist sehr verschieden.

Das Spiel, mit dem sich Ausgrenzung im Labor messen lässt

Es gibt ein einfaches Ballspiel am Bildschirm. Drei Mitspieler werfen sich einen Ball zu, einer davon bist du. Nach einigen Runden hört es auf. Die anderen beiden spielen weiter, du bekommst den Ball nicht mehr.

Es ist ein Computerspiel, es geht um nichts, die Mitspieler sind nicht einmal echt. Und es funktioniert trotzdem, jedes Mal.

In einer Zusammenschau von 120 solchen Untersuchungen mit fast zwölftausend Menschen war die Wirkung groß und sie zeigte sich quer durch Geschlecht, Alter und Land. Auch bei Menschen, die sich selbst für robust halten.

Das ist der Befund, der die bequeme Einteilung kippt. Wenn du dich von einer Kränkung getroffen fühlst, bist du damit nicht in der empfindsamen Minderheit. Du bist normal gebaut.

Der Streit um die Schmerzregion und warum er ehrlich erzählt gehört

An dieser Stelle kommt in fast jedem Artikel derselbe Satz: Zurückweisung tue buchstäblich weh, das Gehirn unterscheide sozialen und körperlichen Schmerz nicht.

Dieser Satz geht auf eine vielzitierte Untersuchung von 2003 zurück, dreizehn Personen im Scanner. Sie hat gezeigt, dass sich bei sozialem Ausschluss eine Region regt, die auch bei körperlichem Schmerz aktiv ist.

Seitdem ist daraus ein Streit geworden, den ich hier nicht glattbügeln will.

Eine spätere Untersuchung hat beides direkt gegeneinander gemessen: sechzig Personen, Hitze am Arm gegen Fotos der Person, die sie gerade verlassen hatte. Mit einem Verfahren, das ein Muster vom anderen unterscheiden kann. Es unterschied sie deutlich. Das Gehirn kennt den Unterschied also sehr wohl.

Zwei große Zusammenschauen widersprechen sich zudem. Die eine findet in der fraglichen Region verlässliche Aktivität, die andere nicht. Dafür gibt es einen nachvollziehbaren Grund: Die eine hat alle Versuchsanordnungen einbezogen und gezielt in dieser Region gesucht, die andere nur eine einzige Anordnung untersucht und über das ganze Gehirn gerechnet.

Was bleibt, ist unspektakulärer und wahrer. Zurückweisung erzeugt echten Stress, das ist keine Einbildung. Ob dabei dieselbe Schaltung arbeitet wie bei Schmerz, ist bis heute offen.

Die Wirkung des Ausschlusses war groß und sie zeigte sich über Geschlecht, Alter und Land hinweg.

Sinngemäß nach Hartgerink und Kollegen, 120 Untersuchungen, 2015

Woran der Unterschied wirklich hängt

Wenn nicht an Dünnhäutigkeit, woran dann?

Am besten belegt ist eine Neigung, die sich messen lässt: wie stark jemand damit rechnet, zurückgewiesen zu werden. Menschen mit dieser Erwartung deuten mehrdeutige Situationen häufiger als Abweisung. Ein Schweigen ist dann nicht Nachdenken, sondern Ablehnung. Diese Neigung ist über Monate ziemlich stabil.

Dazu kommt, wie jemand in Beziehungen ausgerichtet ist. Wichtig ist dabei ein Punkt, den populäre Tests gern übergehen: Das sind keine Schubladen. Die Daten passen zu fließenden Ausprägungen, nicht zu drei oder vier Sorten Mensch.

Und alle diese Zusammenhänge sind klein. Sie zeigen eine Neigung, sie sagen kein Einzelschicksal voraus. Sie erklären einen Teil, nicht die Person.

Zum Begriff Hochsensibilität, weil er unweigerlich kommt: Er ist populär geworden, in der Forschung ist er umstritten, vor allem weil er sich schwer von anderen Merkmalen abgrenzen lässt. Was sich zeigt, ist ein fließender Übergang, keine Gruppe mit einer Grenze darum. Eine belastbare Zahl, wie viele Menschen dazugehören, gibt es nicht, auch wenn eine bestimmte Spanne überall zitiert wird.

Was das in vier Lebensbereichen bedeutet

Derselbe erste Treffer, vier sehr verschiedene Nachwirkungen.

01

Bei dir selbst

Hör auf zu fragen, warum dich das überhaupt trifft. Es trifft fast jeden. Die nützlichere Frage lautet, warum es bei dieser einen Person länger nachhallt als bei anderen. Meistens steht dort eine alte Rechnung.

02

Mit deinem Kind

Nicht eingeladen zu werden ist für ein Kind kein Kleinkram. Sätze wie da darfst du nicht so empfindlich sein treffen die falsche Stelle. Hilfreicher ist, den Treffer gelten zu lassen und danach bei der Nachwirkung zu helfen.

03

In der Partnerschaft

Vereinfacht gesagt wirkt Nähe wie ein Verstärker. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Bindung. Wer das weiß, wählt seine Worte bei den nächsten Menschen bewusster als bei fremden.

04

Im Beruf

Bei Kritik lohnt eine Trennung. Was ist der sachliche Anteil, den ich morgen umsetzen kann. Und was ist der Anteil, der an der Frage hängt, ob man mich für fähig hält. Der zweite Teil braucht keine Überarbeitung, sondern Abstand.

Was du mitnimmst

Ausgeschlossen zu werden trifft dich nicht, weil du zu empfindlich bist. Es trifft fast jeden, und zwar messbar.

Verschieden ist die Nachwirkung. Am besten belegt ist dabei, wie stark jemand ohnehin damit rechnet, zurückgewiesen zu werden. Vereinfacht gesagt wirkt Nähe wie ein Verstärker, das ist ein Bild und kein Messergebnis.

Damit verschiebt sich die Frage. Nicht mehr: warum bin ich so. Sondern: wovon handelt es eigentlich, wenn es so lange bleibt.

Wissen wird Wirkung in der Anwendung

Was du hier liest, erklärt den Mechanismus. Was sich in deinem Alltag ändert, entsteht erst, wenn du es an deinen eigenen Situationen übst. Genau dafür ist das Coaching da.

Häufig gestellte Fragen

Stimmt es, dass seelischer Schmerz dasselbe ist wie körperlicher?

Das ist die verbreitetste Zuspitzung in diesem Feld und sie geht zu weit. Eine Untersuchung, die beides direkt gegeneinander gemessen hat, konnte die Muster deutlich unterscheiden. Zwei große Zusammenschauen zur ursprünglichen Beobachtung widersprechen sich bis heute. Belegt ist, dass Zurückweisung echten Stress erzeugt. Nicht belegt ist die Gleichsetzung.

Bin ich hochsensibel, wenn mich Kritik lange beschäftigt?

Der Begriff ist populär, in der Forschung aber umstritten, unter anderem weil er sich schwer von anderen Merkmalen abgrenzen lässt. Was sich zeigt, ist ein fließender Übergang zwischen Menschen und keine abgrenzbare Gruppe. Eine lange Nachwirkung sagt deshalb wenig über einen Typ und viel über den Inhalt, an den die Kritik rührt.

Gibt es nicht Menschen, denen Ausgrenzung wirklich nichts ausmacht?

Nach der vorliegenden Forschung trifft der erste Moment fast alle, und zwar deutlich, auch quer durch Alter, Geschlecht und Länder. Was sich stark unterscheidet, ist die Zeit danach. Wer scheinbar unberührt wirkt, hat den Treffer meistens nicht verhindert, sondern verarbeitet ihn schneller oder zeigt ihn nicht.

Kann ich daran etwas ändern?

An der Empfindlichkeit selbst wenig und das ist auch nicht nötig. An der Nachwirkung viel. Der wirksamste Hebel ist, den Satz auszusprechen, der unter der Kränkung liegt. Solange er unausgesprochen bleibt, arbeitet er weiter.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D. und Williams, K. D. (2003). Does Rejection Hurt? An fMRI Study of Social Exclusion. Dreizehn Personen. Science, 302(5643), 290 bis 292.
  2. 2.Woo, C. W. und Kollegen (2014). Separate neural representations for physical pain and social rejection. Sechzig Personen, direkte Gegenmessung. Nature Communications, 5, 5380.
  3. 3.Rotge, J. Y. und Kollegen (2015). A meta-analysis of the anterior cingulate contribution to social pain. Findet verlässliche Aktivität. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 10(1), 19 bis 27.
  4. 4.Mwilambwe-Tshilobo, L. und Spreng, R. N. (2021). Social exclusion reliably engages the default network. Findet sie nicht. NeuroImage, 227, 117666.
  5. 5.Hartgerink, C. H. J., van Beest, I., Wicherts, J. M. und Williams, K. D. (2015). The ordinal effects of ostracism: a meta-analysis of 120 Cyberball studies. PLOS ONE, 10(5), e0127002.
  6. 6.Downey, G. und Feldman, S. I. (1996). Implications of rejection sensitivity for intimate relationships. Journal of Personality and Social Psychology, 70(6), 1327 bis 1343.
  7. 7.Fraley, R. C., Hudson, N. W., Heffernan, M. E. und Segal, N. (2015). Are adult attachment styles categorical or dimensional? Die Daten sprechen für fließende Ausprägungen. Journal of Personality and Social Psychology, 109(2), 354 bis 368.
  8. 8.Greven, C. U. und Kollegen (2019). Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: a critical review. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 98, 287 bis 305.

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