Bevor du denkst · Staffel 2

Scham, das Gefühl, das sich versteckt

Warum du es selten bemerkst und was der Unterschied zur Schuld ist

Dennis Tefett6 Minuten Lesezeit
Ein Mensch wendet sich ab und senkt den Kopf, der Oberkörper zieht sich zusammen, das Gesicht bleibt im Schatten.

Die meisten Gefühle wollen ausgedrückt werden. Dieses eine will genau das Gegenteil. Es will, dass du verschwindest.

Die Nachricht, die er seit elf Tagen nicht beantwortet

Ein Freund hat ihm geschrieben. Eine gute Nachricht, herzlich, mit einer Frage am Ende.

Am ersten Tag kam etwas dazwischen. Am dritten Tag dachte er, jetzt muss ich ausführlicher antworten. Am siebten Tag war die Nachricht schon peinlich lang unbeantwortet.

Heute ist Tag elf. Inzwischen öffnet er den Chatverlauf gar nicht mehr, weil ihm beim Anblick des Namens heiß wird.

Er weiß, dass ein Zweizeiler alles lösen würde. Er schreibt ihn trotzdem nicht. Und je länger er nicht schreibt, desto unmöglicher wird es.

Das ist keine Faulheit und kein Desinteresse. Das ist ein Gefühl, das sich selbst am Leben hält, indem es sich versteckt.

Infografik
Schaubild: bei Schuld zeigt ein Pfeil auf eine einzelne Handlung, bei Scham umschließt der Kreis die ganze Person.
Derselbe Vorfall, zwei verschiedene Ziele. Darauf, wohin das Gefühl zeigt, kommt es an.

Helen Block Lewis und eine Unterscheidung, die sich gehalten hat

Helen Block Lewis war Psychoanalytikerin in New York und beschrieb 1971 so genau wie niemand vor ihr, worin sich diese beiden Gefühle unterscheiden. Nicht im Anlass, sondern im Ziel: das globale Selbst gegen die einzelne Handlung.

June Price Tangney hat daraus über Jahrzehnte ein Forschungsprogramm gemacht und die Unterscheidung in eine Formel gebracht, die man einmal hört und nie vergisst. Es liegt in der Betonung. Bei Schuld liegt der Ton auf dem, was getan wurde. Bei Scham liegt er auf dem, der es getan hat. Derselbe Satz, zwei verschiedene Gefühle.

Was daraus folgt, ist gut belegt und trotzdem oft zu grob erzählt. Schuld geht eher mit Wiedergutmachung und mit Mitgefühl für die andere Seite einher. Scham geht eher mit Rückzug einher und manchmal, was überrascht, mit Angriff.

Der Angriff ist kein Widerspruch. Wenn das ganze Selbst infrage steht, ist Gegenwehr eine Möglichkeit, nicht als Fehler zu dastehen. Wer sich zutiefst beschämt fühlt, wird deshalb manchmal laut.

Es liegt nicht am Anlass. Es liegt daran, ob das Gefühl auf die Tat zeigt oder auf die ganze Person.

Der Kern der Unterscheidung, die auf Helen Block Lewis zurückgeht, 1971

Scham hat zwei Gesichter

Hier muss ich einer sehr beliebten Vereinfachung widersprechen, auch weil ich sie selbst lange bequem fand.

Sie lautet: Schuld ist die gesunde Emotion, Scham die krankmachende. Das ist zu einfach.

Eine längsschnittliche Untersuchung von Tangneys eigener Arbeitsgruppe trägt genau diesen Titel: Scham hat zwei Gesichter. Bei 476 Inhaftierten zeigte sich, dass Scham die erneute Straffälligkeit sogar hemmt, sofern sie nicht mit der Abwehr einhergeht, die Schuld nach außen schiebt.

Und eine Zusammenschau zeigt: Ist die Lage reparabel, hängt Scham durchaus mit konstruktiver Hinwendung zusammen. Aussichtslos wird sie erst, wenn nichts mehr zu retten scheint.

Die tragfähige Fassung lautet deshalb bedingt und nicht absolut. Scham drängt zum Verstecken, wenn die Lage aussichtslos erscheint. Ist sie reparabel, kann dieselbe Scham zur Wiedergutmachung treiben.

Was über Scham gesagt wird und was davon trägt

Drei Sätze über Scham begegnen einem ständig. Alle drei sind zu groß geraten.

Erstens, Scham mache depressiv. Der Zusammenhang existiert, er stammt aber überwiegend aus Momentaufnahmen und sagt nichts über die Richtung. Und er ist nicht scham-spezifisch, denn eine fehlangepasste Form von Schuld liegt praktisch gleichauf.

Zweitens, Scham sei der Motor der Sucht. Hier ist die ehrliche Antwort verschachtelt und ich gebe sie vollständig, weil sie sonst in die eine oder andere Richtung kippt. Mit der Menge des Konsums hängt Scham nicht zusammen. Über Monate und Jahre sagt sie den Konsum nicht voraus. Über Stunden und Tage sagt sie sehr wohl mehr Konsum voraus, allerdings mit verwickelten Wechselwirkungen, in denen Scham gelegentlich sogar schützend wirkt. Und Menschen in Suchtbehandlung berichten mehr erlebte Scham als Vergleichsgruppen.

Drittens, Scham habe einen Ort im Gehirn. Hat sie nicht. Bei Scham sind Netzwerke aktiv, die auch bei sozialem Schmerz und bei Verhaltenshemmung arbeiten. Eine Zusammenschau der Bildgebung konnte Scham und Verlegenheit nicht einmal voneinander trennen.

Gleiche Architektur, andere Lautstärke

Bleibt die Frage, ob Scham überall gleich funktioniert.

Es gibt eine sehr alte These, die ganze Kulturen in solche einteilt, die über Scham gesteuert werden, und solche, die über Schuld gesteuert werden. Sie stammt aus einem Buch von 1946, das im Auftrag des Krieges entstand, geschrieben von einer Autorin, die nie in dem beschriebenen Land gewesen war.

Diese Zweiteilung trägt nicht. Was sich zeigt, ist etwas anderes und Feineres.

Untersuchungen über sehr verschiedene Gesellschaften hinweg finden dieselbe Grundstruktur: Scham steigt dort, wo jemand damit rechnet, in den Augen anderer an Wert zu verlieren. Diese Rechnung läuft überall.

Verschieden ist, wie laut das Gefühl im Alltag mitspricht und mit welchen Worten Menschen darüber sprechen. Gleiche Architektur, andere Lautstärke.

Was das in vier Lebensbereichen bedeutet

Dasselbe Verstecken, vier sehr verschiedene Räume.

01

Bei dir selbst

Achte auf den Impuls zu verschwinden. Wenn du eine Nachricht nicht öffnest, einen Anruf nicht zurückgibst, einem Raum ausweichst, ist das oft kein Zeitproblem. Frag dich, ob dein Satz gerade auf eine Tat zeigt oder auf dich als Person.

02

Mit deinem Kind

Das ist die wichtigste Stelle überhaupt. Das hast du falsch gemacht zeigt auf die Tat. Du bist unmöglich zeigt auf das Kind. Dieselbe Kritik, zwei völlig verschiedene Gefühle. Kinder können eine Tat ändern, sich selbst nicht.

03

In der Partnerschaft

Wenn dein Gegenüber im Streit plötzlich laut wird oder ganz dichtmacht, steht oft Scham dahinter. Vorwürfe treffen dann genau die Stelle, die ohnehin brennt. Was hilft, ist die Zusicherung, dass es um eine Sache geht und nicht um die ganze Person.

04

Im Beruf

Fehlerkultur entscheidet sich genau an dieser Trennlinie. Wo Fehler auf Personen zeigen, werden sie erfahrungsgemäß versteckt und das ist die teuerste aller Nebenwirkungen. Wo sie auf Vorgänge zeigen, werden sie gemeldet.

Was du mitnimmst

Scham ist das Gefühl, das dich aus dem Raum haben will. Deshalb bemerkst du es selten direkt, sondern meistens an dem, was du vermeidest.

Sie ist nicht das kranke Gegenstück zur gesunden Schuld. Sie hat zwei Gesichter und welches sie zeigt, hängt daran, ob die Lage noch zu reparieren ist.

Und das Wirksamste, was du tun kannst, ist auch das Unangenehmste: das Verstecken um genau einen Schritt unterlaufen. Die Nachricht öffnen. Den Zweizeiler schreiben.

Wissen wird Wirkung in der Anwendung

Was du hier liest, erklärt den Mechanismus. Was sich in deinem Alltag ändert, entsteht erst, wenn du es an deinen eigenen Situationen übst. Genau dafür ist das Coaching da.

Häufig gestellte Fragen

Ist Scham immer schädlich?

Nein, und diese Vereinfachung hält der Forschung nicht stand. Eine längsschnittliche Untersuchung an 476 Inhaftierten zeigt sogar, dass Scham ohne die nach außen gerichtete Abwehr die erneute Straffälligkeit hemmt. Ist eine Lage reparabel, hängt Scham mit konstruktivem Zugehen zusammen. Aussichtslos wird sie erst, wenn nichts mehr zu retten scheint.

Woran merke ich, ob es Scham oder Schuld ist?

An der Richtung, nicht an der Schwere. Wenn dein innerer Satz auf eine Handlung zeigt, ist es eher Schuld und dann gibt es fast immer einen nächsten Schritt. Wenn er auf dich als ganze Person zeigt, ist es eher Scham und dann ist der Impuls Verstecken. Der Zwei-Wörter-Test oben macht das in Sekunden sichtbar.

Gibt es Kulturen, in denen Scham wichtiger ist als Schuld?

Die alte Einteilung in Scham- und Schuldgesellschaften trägt nicht, sie stammt aus einem Buch von 1946, dessen Autorin nie im beschriebenen Land war. Was sich über sehr verschiedene Gesellschaften hinweg zeigt, ist dieselbe Grundstruktur. Unterschiedlich ist, wie laut das Gefühl im Alltag mitspricht und wie darüber gesprochen wird.

Was ist von Brené Brown zu halten?

Ihre Theorie zur Scham-Widerstandskraft stammt aus einer begutachteten qualitativen Arbeit mit 215 Frauen, das ist ernstzunehmende Forschung. Ihre bekannten Bücher über Verletzlichkeit sind Vermittlung und nicht Studie. Beides hat seinen Wert, es sollte nur nicht verwechselt werden.

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. 1.Lewis, H. B. (1971). Shame and Guilt in Neurosis. International Universities Press, New York.
  2. 2.Tangney, J. P., Stuewig, J. und Mashek, D. J. (2007). Moral Emotions and Moral Behavior. Annual Review of Psychology, 58, 345 bis 372.
  3. 3.Tangney, J. P. und Kollegen (2014). Two faces of shame. Längsschnittlich, 476 Inhaftierte, gemessen wurde erneute Straffälligkeit. Psychological Science.
  4. 4.Leach, C. W. und Cidam, A. (2015). When is shame linked to constructive approach orientation? A meta-analysis. Journal of Personality and Social Psychology.
  5. 5.Luoma, J. B., Chwyl, C. und Kaplan, J. (2019). Substance use and shame: A systematic and meta-analytic review. Clinical Psychology Review.
  6. 6.Sznycer, D. und Kollegen (2016). Shame closely tracks the threat of devaluation by others, even across cultures. PNAS, 113(10), 2625 bis 2630.
  7. 7.Piretti, L. und Kollegen (2023). The Neural Signatures of Shame, Embarrassment, and Guilt. Konnte Scham und Verlegenheit nicht trennen. Brain Sciences, 13(4), 559.
  8. 8.Brown, B. (2006). Shame resilience theory. Qualitative Arbeit mit 215 Frauen. Families in Society.

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